Der Autor, Erziehungswissenschaftler und Hauptschullehrer, entwirft hier eine pädagogische Leitidee für das neue Jahrtausend, die er "Pädagogik der Vielfalt in der Gemeinsamkeit" nennt. Mit Blick auf die veränderten Kindheitsbedingungen in den 90er Jahren begründet er sein Konzept, das v.a. die widersprüchlichen außerschulischen Lebensbedingungen heutiger Schülerinnen beachtet. Grundsätzlich geht Preuss-Lausitz davon aus, dass Bildung auch nach Auschwitz und Tschernobyl eine Überlebensfrage ist und "zur Barbareivermeidung" beitragen kann.

Das Ende der Bildung, eine postmoderne Beliebigkeit oder gar eine Antipädagogik will er nicht gelten lassen: "Vielmehr bleibt es die Aufgabe der älteren Generation (...), die Möglichkeit der Zukunft dieser Kinder zu sichern und daran auch die Erziehung zu orientieren." Voraussetzung ist ein ganzheitliches Lern- und Bildungsverständnis, das alle Aspekte menschlicher Lebens- und Wachstumsäußerungen nicht-hierarchisch vernetzt interpretiert und alle Sinne, das Denken, Gefühle und Handlungen mit einbezieht. Die "Wirklichkeit aus zweiter Hand" soll der Schule als Werkstatt, Labor, Spielstätte oder Ausstellungsraum weichen. Eine derart lebensweltlich orientierte Schule, die „Friedensfähigkeit" als wesentlichen Lerninhalt hat, muss sich auch der Gewalt offensiv stellen - darüber sprechen, dagegen vorgehen und ein Klima schaffen, das ein Stück Lebenszeit mit wenig Aggressivität und viel Lust auf Lernen und sozialen Austausch ermöglicht. Eine so verstandene Schule muss auch die mit den Geschlechtsrollen verbundenen Probleme und Erfahrungen ernst nehmen. In der Schule der Zukunft werden Mitwelt und Ökologie praktische Unterrichtsprinzipien. Diese zielen nicht mehr in erster Linie auf eine bessere Zukunft ab, sondern "erst einmal auf die Erhaltung des Hier und Jetzt (... ), auf den ökologischen Krisenalltag der Erzieher wie der zu Erziehenden".

Schließlich geht der Autor noch auf die pädagogische Erneuerung in den neuen Bundesländern sowie den offenen und integrativen Unterricht ein. Liest sich auch manches allzu normativ, so ist den künftigen Generationen die hier postulierte Schule als Lebensort zu wünschen, "der sozial integrativ wirkt, ohne die individuellen Lebens- und Lernbedingungen zu ignorieren".

A.A.

Preuss-Lausitz, Ulf: Die Kinder des Jahrhunderts. Zur Pädagogik der Vielfalt im Jahr 2000. Weinheim (u.e.): Beltz, 1993.229 S. (Reihe Pädagogik) DM 38,-/ sFr 35,-/ÖS 297