
Muss sich die Geschichtswissenschaft im Anthropozän verändern? Mit dieser Kernfrage beschäftigt sich Sandra Maß. Die Frage, ob wir denn ein neues Erdzeitalter erreicht haben, stammt ursprünglich aus der erdwissenschaftlichen Diskussion, welche inzwischen jedoch eine „intensive, disziplinübergreifende intellektuelle Erregung ausgelöst“ (S. 19) hat, die auch die Geschichtswissenschaft nicht außen vor lässt. „Für die Geschichtswissenschaft führt das Debattenereignis Anthropozän verschiedene Fäden der letzten Jahrzehnte zusammen, nicht als eine neue Epoche, sondern als eine neuartige theoretische und methodische Perspektive“ (S. 28). Besonders großen Einfluss räumt Maß dem Verhältnis von Natur und Kultur und der More-Than-Human-Perspektive ein. Diese zeigt einen spannenden Widerspruch zwischen den Disziplinen der Geschichts- und Erdsystemwissenschaften auf. Während letztere mit dem Anthropozän den Menschen als zentralen Akteur in den Mittelpunkt stellen, tendieren neuere Strömungen der Geschichtswissenschaft dazu, sich näher mit „unbelebten Objekten und anderen belebten Organismen“ (S. 116) auseinanderzusetzen. In diesem Spannungsfeld sieht Maß jedoch eine Chance, denn es ist unrealistisch, die Menschheit aus der Verantwortung zu entlassen und doch muss eingeräumt werden, dass „die Handlungen des Menschen nicht analysiert werden können, ohne seine engen Beziehungen zu seiner natürlichen und materiellen Umwelt zu berücksichtigen. Ein solches Untersuchungsgefüge lässt sich nicht in die Umweltgeschichte abschieben, sondern führt zu Fragen nach der Historizität der natürlichen und ökologischen Verhältnisse, die den jeweiligen Akteur hervorgebracht und mit Handlungsmacht ausgestattet haben“ (S. 117). Dass sich dieser Punkt nicht nur auf das Humane konzentriert, verdeutlicht die Auseinandersetzung mit Denker:innen wie Donna Haraway, welche „als eine der Ersten auf die porösen Grenzen des Humanen aufmerksam machte“ (S. 130). Die Stärke der Geschichtswissenschaft sieht die Historikerin in ihrer Fähigkeit, große Zusammenhänge zu erkennen und zu entflechten. Damit das auch in Anbetracht der neuen Herausforderungen weiter gelingt, braucht es eine Öffnung, sowohl was die Perspektiven (nach Bedarf bereiter oder zentrierter) als auch Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und insbesondere die Quellenlage betrifft. Sich auf rein schriftliche Überlieferungen zu verlassen wird zu kurz greifen.








