
Christoph Seidler nimmt seine Leser:innenschaft in diesem Buch mit auf eine gedankliche Reise zum Mond. Dafür liefert er eine umfangreiche und illustrative Beschreibung dessen, was es historisch für die reale Umsetzung dieses Unterfangens gebraucht hat – auf politischer, organisatorischer wie auch technischer Ebene – und was es heute braucht, um unseren Erdtrabanten erneut zu betreten. Er macht dabei klar, dass Weltraummissionen nicht ohne Bezug zur Erde und ihrer Geopolitik gedacht werden können, gleichzeitig aber eine Möglichkeit bieten, Kooperation über irdischen Gegebenheiten hinaus zu fördern.
Der erste Wettlauf zum Mond
Die Geschichte der Mondreise beginnt im Kalten Krieg – genauer gesagt mit der militärischen Notwendigkeit, eine interkontinentale Waffenpräsenz aufzubauen. Die USA befanden sich in einem Wettrüsten mit der Sowjetunion und mussten dabei zusehen, wie sie ein ums andere Mal übertroffen wurden: 1957 gelang es den Sowjets, mit Sputnik den ersten Satelliten um die Erde kreisen zu lassen, 1961 setzten sie mit der ersten bemannten Erdumrundung nach. Neben propagandistischem Nutzen bedeutete das aber vor allem eines: die Möglichkeit der Sowjetunion, Atombomben aus bisher unerreichter Distanz einzusetzen. Diese Gefahr rief in Amerika das von Präsident Kennedy ausformulierte Ziel ins Leben, innerhalb der begonnenen Dekade von 1960 einen Menschen sicher zum Mond und wieder zurückzubringen.
Die hehren Ziele Amerikas endeten vorerst aber oftmals in Fehlschlägen. Diese gab es zwar auch auf sowjetischer Seite, darüber wurde die Öffentlichkeit aber nicht informiert. Stattdessen erfuhr man, dass die erste Frau im Weltraum (1963), der erste Teamflug einer Dreiercrew (1964) und der erste Weltraumausstieg (1965) allesamt der Sowjetunion zuzusprechen waren.
Tatsächlich stand es aber nicht gut um die Mondmission der Sowjetunion. Man konnte zwar viele Premieren feiern, aber diese stellten schon den Gipfel der damaligen Erfolge dar. Als also 1969 das Ziel Amerikas, als erstes eine erfolgreiche, bemannte Mondmission durchzuführen, mit Apollo 11 geglückt war, gab es eigentlich schon lange keinen Wettlauf um den Weltraum mehr.
Von einer neuen Welt zurück zum alten Mond
Nach mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert beginnen wir uns wieder für den Erdtrabanten zu interessieren, aber so wie sich die Welt verändert hat, ist auch der Rahmen dieser neuen Mondmissionen ein anderer. Als die USA und die Sowjetunion um die Herrschaft im Weltraum kämpften, passierte dies zu Zeiten einer bipolaren Weltordnung. Dementsprechend gab es wenig Motivation, dieses kostspielige Kräftemessen im gleichen Maße aufrechtzuerhalten, nachdem der Sieger feststand.
Das ist heute anders. Jetzt blicken wir auf ein zunehmend multipolares Machtgefüge. Zwar stehen in Weltraumagenden immer noch zwei Staaten an der Spitze – die USA und China – aber diese führen ihre Missionen nicht länger isoliert durch. Stattdessen hat man sich für internationale Kooperationen entschieden, um die nationalen Kosten zu verringern und die diplomatischen Möglichkeiten des Weltraums auszuschöpfen. So kann das amerikanische Weltraumprogramm beispielsweise mit Partnern aus ganz Europa, Japan und Indien aufwarten und China unter anderem auf eine langjährige Zusammenarbeit mit Russland und Pakistan zurückblicken. Es ist aber nicht nur die nationale Ebene, die heute durch Partnerschaften glänzt. Viele der für die Weltraumerkundungen relevanten Bereiche werden mittlerweile auch an private Firmen ausgelagert. SpaceX von Elon Musk oder Blue Origin von Jeff Bezos sind dabei nur zwei große von ungeahnt vielen privaten Auftragnehmern.
Zusätzlich hat sich die Zielsetzung der Mondmission geändert. Es geht nicht länger darum dort zu sein, sondern dort zu bleiben. Sowohl von den USA als auch von China wird der Aufbau einer permanenten Mondbasis angestrebt und dies hat nicht nur wissenschaftliche Gründe.
Kein rechtsfreier Raum, aber viele offene Fragen
Obwohl ein breit anerkannter Weltraumvertrag existiert, der beispielsweise die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im All untersagt, ist der Rechtsrahmen des Mondes komplizierter. Es ist zwar geregelt, dass keine Nation den Erdtrabanten beanspruchen kann, aber bei den Details ist man sich uneinig. Beispielsweise bieten die durch US-Präsident Donald Trump initiierten ‚Artemis Accords‘ eine Ersatzschiene zu internationalen Verträgen. Diese erlauben die Förderung und Aneignung von Rohstoffen am Mond und in ähnlichem Sinne die Absteckung von Gebieten für permanente Mondbasen.
Ob darüber internationale Einigkeit bestehen wird, wenn diese Fragen schlagend werden, oder sich schlussendlich doch nur der Stärkere durchsetzt, bleibt dabei offen. Klar ist jedoch: Wir können den Mond nicht ohne die Erde denken – müssen unsere irdischen Fehler dort aber nicht wiederholen.








