
In „Kipppunkte“ verfolgt Georg Diez die Spuren einer Epoche, die unsere Gegenwart stärker prägt, als wir meinen. Für ihn sind die 1990er-Jahre nicht nur ein Jahrzehnt zwischen Mauerfall und Millennium, sondern Teil einer langen Übergangsphase: beginnend in den siebziger Jahren, endend erst mit dem Aufstieg Donald Trumps 2016. In dieser Zeit wurden Weichen gestellt und Chancen vertan, deren Folgen bis heute spürbar sind. Diez geht es weniger um die Darstellung von Unumkehrbarkeit, sondern um die Erinnerung an Wege, die offenstanden, und Alternativen, die auch möglich gewesen wären.
Ein roter Faden seines Buches ist der Triumph des Neoliberalismus. Er wirkte nicht nur als Wirtschaftsmodell, sondern auch als kulturelles Narrativ: Der Markt erschien naturgegeben, Globalisierung als unvermeidlich, Privatisierungen und Sozialkürzungen als alternativlos. Politik reduzierte sich darauf, diese Vorgaben umzusetzen, statt eigene Gestaltungsspielräume zu nutzen. Auch die deutsche Wiedervereinigung hätte einen echten Neuanfang ermöglichen können – doch Eliten hielten an alten Strukturen fest, blockierten Reformen und verfestigten soziale und wirtschaftliche Ungleichheit.
Unterlassene Maßnahmen kosteten wertvolle Zeit
Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster in der Klimapolitik. Schon in den 1990ern lagen Warnungen auf dem Tisch, doch die Verantwortlichen verzögerten Entscheidungen und setzten auf symbolische Gesten. Konkret hätten bereits verbindliche CO2-Grenzwerte, Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz in Industrie, Verkehr und Gebäuden umgesetzt werden können. Internationale Abkommen hätten durchsetzbare Ziele enthalten müssen, statt nur auf Absichtserklärungen zu setzen. Diese unterlassenen Maßnahmen kosteten wertvolle Zeit und verschärften die Klimakrise.
Ähnlich ambivalent verlief die digitale Revolution: zunächst als Raum der Freiheit gefeiert, öffnete sie zugleich die Tür für Überwachung, Monopolisierung und Machtkonzentration bei wenigen großen Konzernen. Politik und Medien spielten dabei eine zentrale Rolle. Politik verlor an visionärer Kraft und verengte sich auf Machterhalt und kurzfristige Taktik. Die Medien wiederum verstärkten durch ihren Fokus auf schnelle Ereignisse den Eindruck, dass es keine Alternativen gebe – und trugen so zur Verarmung des politischen Diskurses bei.
Sachliche Analyse und erzählerische Spannung
Diez deutet die Gegenwart vor diesem Hintergrund als Ergebnis vertaner Möglichkeiten, sichtbar an wachsender Ungleichheit, der Instabilität demokratischer Strukturen und der eskalierenden ökologischen Krise. Diez gelingt es, sachliche Analyse und erzählerische Spannung zu verbinden: Die Sprache ist schwungvoll und präzise; selbst komplexe Zusammenhänge aus Politik, Klima und Digitalisierung werden nachvollziehbar, sodass das Buch sowohl informiert als auch fesselt. Doch er bleibt nicht beim Befund stehen. Für ihn sind Krisen nicht nur Katastrophen, sondern auch Momente der Hoffnung. Ob aus ihnen ein Aufbruch entsteht, hängt davon ab, ob wir die ungenutzten Chancen der Vergangenheit ernst nehmen – und heute mutigere Entscheidungen treffen.








