
Sunil Amrith ist in Singapur aufgewachsen und lehrt heute als Historiker an der Yale University. Mit „Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre“ legt er ein Buch vor, das aktueller kaum sein könnte. Angesichts von Klimawandel, Artensterben und globalen Ungleichheiten zeigt er, wie tief die ökologischen Krisen unserer Zeit in der Geschichte verwurzelt sind. Das Buch erzählt, wie die Gier nach Macht, Rohstoffen und Profit nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Landschaften und das Klima beeinflusst hat. Amrith betont, dass Umweltgeschichte immer auch Menschheitsgeschichte ist.
Im ersten Teil geht es um die frühen Versuche der Menschen, die Natur zu beherrschen. Europäische Expansion, Sklavenhandel, die Vertreibung indigener Völker und die Einführung fremder Pflanzen und Tiere verursachten großes Leid und lösten ökologische Kettenreaktionen aus. Beispielhaft beschreibt Amrith die Zuckerproduktion auf Madeira: Portugiesische Kolonialist:innen pflanzten Zucker an, ließen die Plantagen von Sklav:innen bearbeiten, wodurch die Insel zeitweise zum größten Zuckerproduzenten der Welt wurde – doch die Insel wurde verwüstet, und der Boom dauerte nur wenige Jahrzehnte. „Aufstieg und Fall, Boom und Zusammenbruch, intensive Ausbeutung, gefolgt von umfassender Verwüstung“ (S. 99). Auch die Goldsuche in der Karibik 1545 brachte kurzfristigen Profit, „beschleunigte aber eine Kettenreaktion, welche die Demographie und Ökologie auf der ganzen Erde transformieren sollte“ (S. 64).
Der zweite Teil zeigt, wie technologische Innovationen die Beziehungen zwischen Mensch und Natur veränderten. Fossile Energie ermöglichte Mobilität, große Städte und Migration von Millionen Menschen: „Das Ausmaß menschlicher Migration im 19. Jahrhundert wandelte das Gesicht der Erde“ (128). Gleichzeitig hielt das Leid afrikanischer Bergarbeiter:innen das globale Wirtschaftssystem aufrecht und zog „viele weitere Angriffe auf Wälder, Flüsse und Tiere auf der ganzen Erde nach sich“ (S. 191). Industrialisierung, Kriege und Rohstoffabbau führten zu Überschwemmungen, versalzenen Böden und Ölkatastrophen. Besonders anschaulich wird die Zerstörung der Regenwälder in Brasilien und Indonesien durch Fleisch-, Soja-, Holz- und Palmölproduktion.
Im dritten Teil reflektiert Amrith die Nachkriegszeit und das große Freiheitsversprechen. Internationale Abkommen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 berücksichtigten ökologische Voraussetzungen kaum: „Es genügte der Glaube, dass die Eroberung der Natur reibungslos vonstatten gehen würde – und dass sie ausreichen würde“ (S. 278). Kurze Porträts von Hannah Arendt, Rachel Carson und Indira Gandhi zeigen, dass es auch Stimmen gab, die die Folgen der „großen Beschleunigung“ kritisch betrachteten. Gandhi fragte: „Sind Armut und Not nicht die größten Umweltverschmutzer?“ (S. 341).
Die ökologischen Folgen sind nach wie vor ungleich verteilt. Ärmere Bevölkerungsgruppen leiden am stärksten, während Privilegierte Schutzräume geschaffen haben: „Je zerstörerischer ihre eigenen Auswirkungen auf die Systeme der Erde werden, desto nötiger wird die Technosphäre für das menschliche Wohlergehen – und diejenigen außerhalb ihres schützenden Einflussbereiches werden immer exponierter“ (S. 417).
Der Autor richtet den Blick auch auf die Zukunft. Erneuerbare Energien sieht er zwar als Chance, warnt aber vor neuen sozialen und ökologischen Problemen. Projekte, die ein Verständnis der Verbundenheit mit der Natur zeigen, lobt er. Technische Großlösungen wie CO2-Filter oder solares Geoengineering betrachtet er aber kritisch, sie seien die „äußerste Ausprägung der Hybris, dass Menschen die Natur erobern könnten“ (S. 421). Amrith setzt Hoffnung in viele kleinere, weniger sichtbare Maßnahmen: Städte, die Luftqualität verbessern, oder Küstenregionen, die Mangroven aufforsten. Zugleich vermutet er, „dass umfassende technologische Interventionen bei der Erhaltung menschlichen Lebens innerhalb der Grenzen, welche die Erdsysteme tragen können, eine Rolle spielen werden“ (S. 425).
Geschichte wird nahbar und greifbar
Natürlich kann ein Buch, das fünf Jahrhunderte Weltgeschichte behandelt, keine Vollständigkeit beanspruchen. Amrith macht dies jedoch zu einer Stärke: Durch die Auswahl konkreter Beispiele und einzelner Persönlichkeiten – von Kolonialherren über Intellektuelle bis zu ermordeten Umweltschützern – wird die Geschichte nahbar und greifbar.
„Brennende Erde“ überzeugt durch seine globale Perspektive, die Verbindung von Historie, Ökologie und Politik sowie durch die eindringliche Warnung, dass die Freiheit des Menschen untrennbar mit der Gesundheit der Erde verbunden ist. Amrith vermittelt komplexe Zusammenhänge klar und liefert Denkanstöße für die Gegenwart. Das Buch ist eine Erinnerung an die Geschichte und eine Mahnung, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und neue Wege für die Menschheit zu finden.








