
Das Gefühl der Wiederholung von Geschichte kriecht als Unbehagen, als Angst, als reale Gefahr in die Körper der Menschen zurück. Die Zeichen der Autokratie, die Zeichen von rechts, sind keine Signale mehr, die man halbseiden übergehen könnte, sondern es sind Fakten, Taten, die sich nicht länger ignorieren lassen. Wenn es ein demokratisches „Wir“ geben mag im heutigen Europa, so stellt sich zunehmend die Frage, wie dieses Wir – als Gemeinschaft polyphoner demokratischer Gesellschaften, aber auch angesichts einer zunehmend zersplitterten, an den Rändern zentrierten Politik – mit dieser autokratisch-autoritären Zeitenwende umgehen kann, in der wir uns befinden. Wir müssen uns ihr stellen, ohne uns zu ducken. Wir müssen uns, als aktive demokratische Bürger:innen, der vita activa, dem tätigen Leben, zuwenden und dürfen uns nicht als bloße Zuschauer:innen „dem Auf und Ab der großen Mächte“ (S. 11) unterwerfen.
Zeitenwende in Europa
Dem schließt sich auch Herfried Münkler an. In „Macht im Umbruch“ widmet er sich der Frage, welche Rolle Deutschland in einer solch autokratisch-autoritären Zeitenwende in Europa zukommt. Zu lange sei einem „magischen Denken“ angehangen worden, so Münkler, in der Begriffe wie „Feindschaft“ als wirtschaftliche Konkurrenz gedeutet wurden (vgl. S. 17). In dieser Logik spiegelte sich der Widerstreit der großen Mächte in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie – nicht aber in Armeen und Wehretats. Doch auch der scheinbar freie Schengenraum kennt längst wieder Grenzregime, und das Militär wird inzwischen als neuer Jobmarkt gehandelt. Dies beschreibt Münkler als eine Umkehrung der politischen Präferenzen: vom „Strömen“ hin zum „Blockieren“ (S. 13). Die Zeiten friedlichen Miteinanders und der offenen Arme seien vorbei – und er bezweifelt, dass die selbstzufriedene Sorglosigkeit, wonach die politische Zukunft notwendigerweise liberal und demokratisch sein werde, noch lange Bestand haben kann. Denn der Widerstreit der großen Mächte zwischen den demokratischen Verfassungsstaaten und den autoritären Regimen muss keineswegs gut ausgehen für die liberale Demokratie. Es gebe, so Münkler, keinen Grund zu der selbstgewissen Annahme, der Sieger werde – wie 1945 oder 1989 – erneut der demokratische Verfassungsstaat sein.
Vor diesem Hintergrund stellt Münkler drängende Fragen, die er in fünf aufeinanderfolgenden Kapiteln untersucht: „Was bedeutet der Wandel der Welt und der Umbruch der Machtverhältnisse für das Selbstverständnis Deutschlands? Vor welchen Herausforderungen stehen wir? Und was müssen die Deutschen jetzt tun, um aktiv gestalten zu können? Wie muss Deutschlands Rolle neu gedacht werden, wenn Europa sich im 21. Jahrhundert im Spiel der Weltpolitik behaupten will? Kann Deutschland, die größte Macht des Kontinents – und selbst in einem tiefen Umbruch begriffen – die EU politisch führen?“ (S. 35).
Seine Methode ist dabei so alt wie effizient: der Rückblick auf deutsche und europäische Geschichte, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zur Gegenwart sichtbar zu machen. Der Vergleich, oft verkannt in der aktuellen Debattenlandschaft, ist nicht zu verwechseln mit einer Praxis des Gleichsetzens – ein häufiger Einwand gegen den Blick in die Vergangenheit als Orientierung für die Zukunft (vgl. S. 15). „Dieser Einwand ist jedoch die Folge einer begrifflichen Verwechslung, nämlich der von Vergleichen und Gleichsetzen, und Ausdruck methodisch unsauberen Denkens“ (S. 15). Der Vergleich sei vielmehr die Grundlage politischer Urteilskraft, so Münkler, auf die Demokratien existenziell angewiesen sind. „Sie sind infolge historischer Unkenntnis und politischer Ignoranz ihrer Bürger:innen hochgradig verwundbare Ordnungen. Um es zu pointieren: Ohne permanenten Vergleich keine politische Orientierung“ (S. 15). Und gerade an dieser mangelt es derzeit erheblich.
Dabei rückt insbesondere auch die Geopolitik wieder ins Zentrum – ein wesentlicher Strang des Buches –, die im Zuge der Umbrüche und Veränderungen der letzten zehn Jahre einen bemerkenswerten Wiederaufstieg erfahren hat. Auch in Deutschland, wo sie aus der fachwissenschaftlichen Debatte fast verschwunden war.
Dem Leitspruch der vita activa folgt Herfried Münkler in seinem Buch auch selbst. In seinem letzten Kapitel „Was jetzt zu tun ist“ skizziert er vier große Herausforderungen, mit denen die Europäische Union insgesamt und Deutschland als zentrale Macht Europas im Besonderen konfrontiert sind. Seine Botschaft: jetzt handeln, entschlossen und reaktionsstark (vgl. 373).
Ein weiteres Standardwerk
Nach „Imperien“ oder „Die neuen Deutschen“ legt Münkler mit „Macht im Umbruch“ ein weiteres wichtiges Standardwerk vor, das das angstzentrierte Denken aufzurütteln vermag – und dazu ermutigt, tätig zu werden.








