
Chris Grodotzkis „Kein Land in Sicht“ ist ein erschütterndes, berührendes und zugleich reflektiertes Buch über zehn Jahre ziviler Seenotrettung im Mittelmeer. Damit ist es auch ein Stück europäische Gegenwartsgeschichte. Der Fotojournalist und Aktivist der ersten Stunde war dabei, als im Juni 2015 die MS Sea-Watch zu ihrer ersten Mission aufbrach. Seine Bilanz ist ebenso persönlich wie politisch: eine Chronik von Mut, Ohnmacht und Beharrlichkeit. Mindestens 25.500 Menschen, so viele wie eine mittelgroße deutsche Kreisstadt Einwohner:innen hat, starben in den vergangenen zehn Jahren bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Diese Zahl der UN-Organisation für Migration zieht sich wie ein stiller Grundton durch Grodotzkis Buch. Er bettet seine Erfahrungen in einen breiten historischen Kontext ein, zeigt, dass Solidarität kein neues, sondern ein immer wieder bedrohtes Prinzip ist. Grodotzki beschreibt eindrücklich, wie aus kleinen, improvisierten Rettungsaktionen eine internationale Bewegung wurde, und wie diese zunehmend unter Druck geriet. Nach der Phase der Kooperation mit der italienischen Mission „Mare Nostrum“ folgten Kriminalisierung, bürokratische Schikanen und die Abschottungspolitik der EU. Präzise dokumentiert er die Kooperation mit der libyschen Küstenwache, Pushbacks durch Frontex und die Gewalt in den von Europa mitfinanzierten Lagern. Interessant ist Grodotzkis Selbstkritik. Er beleuchtet auch die Widersprüche innerhalb der eigenen Bewegung – den Wandel von aktivistischen Gruppen zu professionellen Organisationen. Er beschreibt wie diese mit wachsender Größe auch mit Widersprüchen, Machtfragen und moralischen Dilemmata konfrontiert ist. Dabei kommen viele Stimmen zu Wort: Geflüchtete, Helfer:innen, Journalist:innen, Politiker:innen. Aus dieser Vielfalt entsteht ein vielschichtiges Bild einer Zeit, in der die europäischen Werte an ihren Grenzen brüchig werden. Grodotzki konfrontiert die Leser:innen mit der brutalen Realität der Abschottungspolitik, aber auch mit der Ambivalenz von Engagement: Wie politisch kann oder muss Hilfe sein? Wann kippt Solidarität in Selbstgerechtigkeit?
„Kein Land in Sicht‘‘ ist mehr als ein Zeitdokument. Es zwingt uns dazu, genau hinzusehen, auf das, was an Europas Grenzen geschieht, und auf unsere eigene Rolle dabei. Gleichzeitig enthält es einen klaren Appell: Menschlich zu bleiben, kritisch zu bleiben und trotz aller Enttäuschungen nicht aufzuhören, sich zu engagieren.








