
Hans Joas, Professor an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, legt mit „Universalismus: Weltherrschaft und Menschheitsethos“ das Ergebnis einer zehnjährigen Beschäftigung mit diesem Thema vor. Im Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung steht die Frage nach der Genese des moralischen Universalismus. Wie vollzog sich die Entwicklung, dass die Sorge nicht nur dem Wohl der nahestehenden Menschen oder der Angehörigen des eigenen Sozialverbands galt, sondern sich auf das Wohl anderer, ja, aller Menschen erstreckte (vgl. S. 20)?
Die Schlüsselthese von Joas’ umfangreichem Werk ist, dass die Geschichte des moralischen Universalismus nur dann umfassend verstanden werden kann, wenn er in ständiger Wechselwirkung mit dem betrachtet wird, was er den politischen Universalismus nennt. Der politische Universalismus ist eine Wortschöpfung von Joas. Archaische Staaten zeichneten sich durch eine höhere Organisationsfähigkeit aus, welche sie von nichtstaatlich verfassten Nachbarvölkern und Stämmen abhob. Diese Organisation verleitete die Staaten jedoch zugleich tendenziell zum Übergriff auf andere Territorien, um sich deren Ressourcen anzueignen. Dieses Streben zur Bildung eines Imperiums steht für p politischen Universalismus. Er barg und birgt damit das Potential für den Übergriff auf andere Menschen und deren Unterdrückung. Angesichts dessen spricht Joas natürlich auch den Kolonialismus sowie die Debatten des Mittelalters über den Umgang mit kolonisierten Menschen an. Der moralische Universalismus müsse als Produkt der Auseinandersetzung mit dem politischen Universalismus verstanden werden (vgl. S. 26). Der Charakter dieses Produkts ist dabei variabel und hängt von der spezifischen Art der Bedrohung ab – sei es eine äußere Bedrohung oder eine innere Gefährdung. So kann sich dieses Produkt als Übersteigerung des eigenen Gottes über alle fremden Götter und Herrscher hinaus zeigen, oder es manifestiert sich als rückwirkende Idealisierung eines früheren Herrschers oder einer vergangenen Herrschaftsordnung.
Die in dem Buch nachgezeichnete Entwicklung des moralischen Universalismus wird scheinbar als Fortschrittsgeschichte geschildert. Dieser Weg führte von einem religiös-philosophischen Ethos, das in der Achsenzeit entstand, hin zu einer Kodifikation im Rahmen nationaler Rechtsordnungen. Die Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts trieben diese Transformation voran, welche sich dann bis zu den Ansätzen einer transnationalen Rechtsordnung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs fortsetzte. Ein entscheidender Punkt, ist aber Joas‘ Ablehnung der Vorstellung einer linearen Geschichte des Fortschritts des Ideals des moralischen Universalismus. Joas verwirft die Idee, dass sich die Bevölkerung stetig besser moralisch vergewissert oder wir uns dem Ideal des moralischen Universalismus immer mehr nähern.
Joas beleuchtet zudem die aktuellen Herausforderungen an den moralischen Universalismus. Die erste Herausforderung betrifft die Hierarchie moralischer Verpflichtungen: Sind moralisch-universalistische Verpflichtungen immer höherwertig als die partikulären moralischen Pflichten der Individuen? Joas vertritt die Position, dass moralischer Universalismus weder in der Lebensführung der Individuen noch in der politischen Willensbildung demokratischer Staaten mit einer Negation aller partikulären Verpflichtungen verbunden ist. Als Beispiel führt er die Situation von Christen in Bedrohungslagen an: Obwohl sie auf Widerstand gegen den Gewalttäter verzichten könnten, darf der individuelle Wunsch nach Heiligkeit nicht vor die Verantwortung für den Schutz eines nahen Menschen gestellt werden. Diese theoretische Überlegung besitzt weitreichende Konsequenzen angesichts internationaler Mobilität, Auseinandersetzungen um Ressourcen, Krieg und der fortwährenden Realität von Diskriminierung (vgl. S. 884).
Die zweite aktuelle Herausforderung, der sich Joas widmet, ist die Frage nach dem Anthropozentrismus des moralischen Universalismus: Inwieweit haben Menschen das Recht, sich über andere Lebewesen zu erheben? Joas merkt in dieser Debatte an, dass beim Sprechen über Rechte in dieser Debatte auch über Pflichten nachgedacht werden müsste (vgl. S. 888).
Eine spannende Frage, die Joas aufwirft, ist, inwieweit ein moralischer Universalismus grundsätzlich eine Weltgesellschaft herbeiführen würde. Wäre es theoretisch vorstellbar, dass in einem gemeinsamen Staatswesen der Krieg abgeschafft werden könnte? Joas warnt jedoch davor, moralischen Universalismus mit Kosmopolitismus gleichzusetzen. Er erinnert daran, den Philosophen Jaspers zitierend, dass die Abschaffung des Krieges nur deshalb vorstellbar sei, weil in dieser Weltgesellschaft eine allmächtige internationale Polizeitruppe eingesetzt würde. Der Universalismus steht heute nicht nur vor den Herausforderungen eines weiter virulenten Rassismus und eines ansteigenden Nationalismus. Joas mahnt, dass man sich stets der Gefahr bewusst sein müsse, den moralischen Universalismus mit nur einer einzelnen seiner historischen Formen gleichzusetzen. Die Geschichte zeigt Beispiele, in denen diese Gleichsetzung zu Leid führte – und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um religiösen Universalismus oder säkularen gehandelt habe.








