
Die Volksrepublik China und Russland haben jeweils ihren eigenen Blick auf die eigene Vergangenheit. Das gilt in besonderem Maße für ihre Beziehung zueinander. Was eint sie, was trennt sie? Welche Hoffnungen und Ängste, welche Möglichkeiten und Gefahren prägen diese Beziehung? Sören Urbansky und Martin Wagner weisen auf bewundernswert luzide Weise Wege durch das komplexe Dickicht dieser wenig bekannten, aber für die gegenwärtigen geopolitischen Verhältnisse höchst relevanten Fragestellungen.
Zwei Dinge lassen sich nach der Lektüre reflektierter bewerten. Erstens sind die historischen Wunden tief und vielfältig. Sie reichen von den erzwungenen Gebietsabtretungen im Rahmen der Verträge von Aigun im Jahr 1850 über die Pogrome von Blagoweschtschensk 1900 bis hin zu ideologischen Brüchen und Verrat in der Ära Chruschtschow. Nichts davon ist vergessen; alles fließt in heutige Kalkulationen und strategische Überlegungen ein. Wer die chinesisch-russischen Beziehungen der Gegenwart einschätzen oder gar bewerten will, muss dies mitbedenken. Wie groß ist das Misstrauen? Wie robust die Verdachtsmomente? Wie fragil die Verhältnisse?
Zweitens kommt man nicht umhin, das Potenzial, das beide Länder in einer geordneten Kooperation sehen, als nahezu unbegrenzt zu betrachten. Die Voraussetzungen scheinen ideal: eine durchgehend friedliche Grenze, die Synergie aus chinesischer Technologie und russischen Rohstoffen, ein klar definierter gemeinsamer Gegner. Alles scheint vorbereitet, es gilt nur, geduldig umzusetzen. Es verwundert daher kaum, dass die chinesische Führung dem russischen Volk ihren Triumphzug in Kiew nicht verwehren möchte.
Urbansky und Wagner behandeln mit souveräner Gelassenheit und spürbarem Engagement ein Thema, das in den letzten Jahren aus der geschichtswissenschaftlichen Nische in die breite Öffentlichkeit getreten ist. Die zwölf Kapitel bieten einen inspirierenden Einblick in zentrale Episoden der chinesisch-russischen Grenzbeziehungen. Anschaulich bebildert und mit sorgfältig ausgewählten weiterführenden Literaturhinweisen versehen, lädt das Buch dazu ein, es nach der ersten Lektüre sofort ein zweites Mal in die Hand zu nehmen.







