Branko Milanović

Visionen der Ungleichheit

Ausgabe: 2026 | 2
Visionen der Ungleichheit

Der besprochene Band ist eine Ideengeschichte der Politischen Ökonomie. Die titelgebenden „Visionen“ sind dabei eher Sichtweisen auf den untersuchten Gegenstand; es geht um die Schlaglichter, die in den klassischen Werken des volkswirtschaftlichen Kanons auf das Phänomen der ökonomischen Ungleichheit geworfen werden. Der Bogen wird vom 18. Jahrhundert ausgehend gespannt; anders als der Untertitel suggeriert, widmet sich das Buch jedoch nicht nur der Zeit ab der Französischen Revolution – das erste Drittel der näher untersuchten Personen hat die maßgeblichen Werke bereits vor 1789 publiziert.

Metamorphosen der Ungleichheitsforschung

Seine Suche nach Reflexionen zur Einkommens- und Vermögensverteilung beginnt Branko Milanović beim „Begründer der […] Volkswirtschaftslehre“ (S. 26), François Quesnay, der noch vor dem Hintergrund einer Stände- und Agrargesellschaft arbeitete; die Reise führt danach zu Adam Smith, bei dem sich der Fokus von der landwirtschaftlichen Ordnung hin zur industriellen Dynamik verschob, und verläuft weiter über David Ricardo, der erstmals „Einkommensverteilung und Wirtschaftswachstum miteinander verknüpfte“ (S. 134); anschließend verläuft der Weg von der Analyse von Klassen hin zu jener von Individuen und somit von Karl Marx, der während des historischen Gipfels der Vermögensungleichheit schrieb, hin zu Vilfredo Pareto und dem nach ihm benannten „Pareto-Prinzip“ (S. 214). Der Reigen der Klassiker führt schließlich zu Simon Kuznets, dem Vater der „Kuznets-Hypothese“ (S. 241), bevor Milanović mit einer Evaluierung themenrelevanter Forschungen während des Kalten Krieges und einem Blick auf jüngere Entwicklungen endet.

Eine der Kernaussagen des Werkes ist, dass sich die Perspektiven auf das Thema historisch mehrfach verändert haben. Darüber hinaus zeigt sich, dass auch die Auseinandersetzung mit ökonomischer Ungleichheit per se gewissen Konjunkturen unterlag; die bedeutendsten Leistungen dazu wurden in der Zeit von Quesnay bis Kuznets erbracht; während des Kalten Krieges jedoch „verschwand die Forschung zu diesen Themen in beiden Systemen“ (S. 270), weil weder die Neoklassik noch der Marxismus darin noch Relevanz erkennen konnten oder wollten. Milanović konstatiert folglich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert eine Talsohle entsprechender Forschung, auf die erst in jüngerer Zeit eine beachtliche Renaissance im Zeichen der Krise folgte.

Fundgruben der Politischen Ökonomie

Das Buch nimmt die Herausforderung an, aus den vielfach als trocken und unzugänglich geltenden Klassikern der Ökonomie die Essenz zur Verteilungsfrage herauszudestillieren und diese zu kontextualisieren. Dabei sind vor allem die versammelten Schaubilder und Tabellen zur Beschäftigungs- und Einkommensstruktur verschiedener Jahrhunderte einen näheren Blick wert. Darüber hinaus finden sich auch Hinweise auf weniger bekannte ideengeschichtliche Details, zum Beispiel auf den „linken Smith“ (S. 105) oder auf Alexis de Tocqueville als ungeahnten „Vorläufer“ von Kuznets (vgl. S. 250 f.).