Ina Schmidt

Wofür es sich zu denken lohnt

Ausgabe: 2026 | 3
Wofür es sich zu denken lohnt

Unsichere Zeiten verlangen nach Vergewisserung, wenn schon die Gewissheit abhanden gekommen ist. Wie umgehen mit Veränderung? Und welches Maß an Unsicherheit lässt sich mit unserem Handeln, Denken und Fühlen vereinbaren? Diese Vergewisserung sucht Ina Schmidt in der Philosophie, verstanden „weniger als historischer Fundus für Denkmodelle und Theorien“, sondern „als Methode, als fragende Haltung, die das eigene Denken auf den Prüfstand stellt“ (S. 21). Und eben das lohnt, betont die Autorin. Ihre These lautet, „dass das Denken zwar eine ziemlich aufreibende Angelegenheit sein kann, es aber am Ende Inspiration und Hoffnung lebendig hält, Beziehungen stiftet und Verbundenheit zum Ausdruck bringt – und damit sogar mitten in diesen unsicheren Zeiten eine Quelle des Glücks sein kann“ (S. 23).

Es geht also um eine Selbstvergewisserung im Denken. „Über das Denken nachzudenken“ (S. 13), ist das Anliegen. Denken begreift Ina Schmidt dabei nicht als Erklimmen theoretischer Höhen, sondern als Praxis. Um die „Form einer denkenden Praxis“ geht es in ihrem Buch (S. 21).  Das verlangt, die Descartes’sche Hirnzentrierung der Philosophie zu überwinden und sie für ein Denken zu öffnen, das alle Sinne mit einbezieht. Sechs menschliche Grundfertigkeiten sind dabei wesentlich, so die Philosophin: „das Wahrnehmen, das Betrachten, das Zuhören, das Nachfragen, das Begreifen und das Prüfen“ (S. 93). Dieses Verständnis von Denken öffnet die Philosophie erstens der Erkenntnis, dass Gedanken nicht allein im Gehirn entstehen, sondern daran auch der Körper und alle Sinne beteiligt sind. Zweitens löst sich so verstandenes Denken aus der Ein-Person-Perspektive und öffnet sich für ein soziales, partizipatives, kollaboratives Miteinander. Denken ist nie eine Einzelleistung, sondern geschieht in einem sozialen und kommunikativen Denkraum, den viele mit ihren Gedanken mitgestalten.

„Wir brauchen andere Denksysteme“

Diese soziale und die körperliche, auf die sinnliche Wahrnehmung bezogene Dimension des Denkens rückt Ina Schmidt unmissverständlich in den Mittelpunkt. Ihr Argument am Ende ihres Buches: „Wir brauchen andere Denksysteme, die die bestehenden ergänzen und erweitern und doch in Bezug zu ihnen bleiben und sich nicht unkritisch abwenden“ (S. 222). Das ist wohl richtig, doch ein Gedanke ruft nach einem Einwand: Sich „unkritisch abwenden“ ist sicher der falsche Weg – aber wie wäre es mit: sich „kritisch abgrenzen“? Abgrenzung wird notwendig sein, um ein neues Denken deutlich zu machen. Denn neue Ideen entfalten sich meist nicht ohne Abgrenzung zu den bestehenden, etablierten Paradigmen. Denken hat somit auch eine disruptive Dimension.