Stephan Thome

Schmales Gewässer, gefährliche Strömung

Ausgabe: 2025 | 4
Schmales Gewässer, gefährliche Strömung

Taiwan ist in der deutschsprachigen Sachbuchlandschaft angekommen. Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine rückt auch die fragile Lage in der Taiwanstraße zunehmend ins Zentrum außenpolitischer Debatten. Warum akzeptiert die Kommunistische Partei Chinas die Unabhängigkeit der vorgelagerten Insel nicht? Welche geostrategischen, innenpolitischen oder technologischen Interessen stehen dahinter? Welche Rolle spielen die USA? Und wie kann oder sollte sich Europa – oder gar Deutschland – in diesem Konflikt klug positionieren? Vor allem aber: Was will die Bevölkerung Taiwans selbst?

Differenzierte Perspektiven auf den geopolitischen Brennpunkt Taiwan

Neben Klaus Bardenhagens „Die wichtigste Insel der Welt“ erschien jüngst auch Stephan Thomes Essay „Schmale Gewässer, gefährliche Strömung“, der sich diesen komplexen Fragen widmet. Beide Titel zielen darauf ab, die von der Volksrepublik China vielfach wiederholten Narrative kritisch zu hinterfragen und differenzierte Perspektiven auf den geopolitischen Brennpunkt Taiwan zu eröffnen.

Während Bardenhagen einen breit gefächerten Überblick zu Geschichte, Kultur und Politik Taiwans liefert, konzentriert sich Thome auf das Spannungsverhältnis zwischen dem chinesischen Festland und der demokratisch regierten Insel. Thome lebt – wie auch Bardenhagen – auf Taiwan und hat bei Suhrkamp sowohl Romane zur chinesischen („Der Gott der Barbaren“, 2018) als auch zur taiwanischen Geschichte („Pflaumenregen“, 2021) veröffentlicht.

In seinem neuen Sachbuch vermittelt er in klar strukturierter, mosaikartiger Form fundiertes Wissen über die zentralen Diskursfelder des Taiwan-Konflikts. Ohne je den Überblick zu verlieren, führt Thome durch die historische, politische und kulturelle Gemengelage, die das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China, Taiwan und den USA prägt.

Das erste Kapitel („Wendepunkte“) bietet einen instruktiven historischen Überblick: von der Nachkriegsordnung der 1950er Jahre über die Anerkennung der Volksrepublik in der UN-Generalversammlung in den 1970ern bis hin zur internationalen Isolation Taiwans nach dem Tian’anmen-Massaker 1989. Zwei pointierte Abschnitte beleuchten anschließend die zunehmenden militärischen Drohgebärden Pekings und die Verteidigungsstrategien Taiwans sowie der USA.

Besonders eindrücklich ist das zweite Kapitel, in dem Thome die sich teils widersprechenden nationalistischen Narrative beider Seiten analysiert. Auf chinesischer Seite geht es um die schwierige Verschränkung von imperialem Selbstverständnis und eigener Kolonialerfahrung sowie um die propagandistische Macht offizieller Landkarten. Das taiwanische Selbstbild wiederum wird anhand der vorkolonialen Geschichte der Hoklo und Hakka, der japanischen Kolonialherrschaft und der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart entwickelt – inklusive eines Blicks auf die zunehmende Einflussnahme der KP Chinas auf die taiwanesische Politik. Dieses Kapitel zählt zweifellos zu den stärksten Passagen des Buches.

Im abschließenden Kapitel macht Thome eindrucksvoll deutlich, dass der Konflikt in der Taiwanstraße keineswegs ein fernes Zukunftsszenario ist. Besonders anschaulich gelingt ihm dies anhand der Rolle von Desinformation und digitaler Kriegsführung, die das Schlachtfeld in Raum und Zeit entgrenzen. Weitere Abschnitte widmen sich Chinas diplomatischer Strategie zur Isolierung Taiwans in internationalen Organisationen sowie der geopolitisch brisanten Rolle der taiwanesischen Halbleiterindustrie.

Leitlinien für den Umgang mit dem Konflikt

Den Abschluss bilden drei prägnante Leitlinien für den Umgang mit dem Konflikt:

 

1) Das chinesische Narrativ nicht übernehmen,

2) Taiwan im Rahmen internationaler Möglichkeiten unterstützen,

3) China nicht unnötig provozieren.

 

Wie schwierig die Umsetzung dieser Maximen in der internationalen Politik ist, macht Thomes Buch auf kluge und stets lesenswerte Weise deutlich.