
Ausgangspunkt des Büchleins von Frédéric Gros, das nun auch in englischer Fassung vorliegt, bilden die unmittelbaren Reaktionen auf den Ukrainekrieg; diese waren bekanntlich geprägt von Fassungslosigkeit und Erstaunen über die „Rückkehr“ des Krieges (vgl. S. vii f.). Das ungläubige Beobachten war nicht frei von Naivität, auch nicht von geopolitischer Ignoranz und Geschichtsvergessenheit. Denn Gewalt und Krieg waren ja nie wirklich weg gewesen, sondern hatten lediglich vorübergehend die Form verändert; deshalb schlägt Gros vor, sich weniger über unsere angebliche „Rückkehr“ zur Gewalt zu wundern, sondern stattdessen über den zwischenzeitlichen Gestaltwandel des Krieges nachzudenken (vgl. S. 1 ff.) und dabei die tiefere Frage nicht zu vergessen, nämlich jene, warum Menschen überhaupt immer wieder in Kriegen kämpfen (vgl. xi).
Morphologie des Krieges
Gros zeichnet Entwicklungslinien nach, entlang derer der Krieg sich gewandelt hat: Was zuletzt in der Ukraine wiedergekehrt ist, ist demnach Krieg in seiner alten, klassischen Gestalt – also jener zwischen zwei regulären staatlichen Armeen (vgl. S. 16). Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man diesen – vorschnell, wie man nun sieht – für tot erklärt, weil danach andere Formen der Kriegsführung das Feld dominierten: die „proxy wars“ und Guerillakämpfe des Kalten Krieges etwa, aber auch die Schläge gegen terroristische Organisationen nach 9/11 und die jüngsten „chaos-creating wars“ in der arabischen Welt (vgl. Kap. 1). Was Gros interessiert, ist das alte, jetzt wiederbelebte Paradigma des konventionellen Krieges und er behandelt das Thema entlang der klassischen Fragen der kriegsphilosophischen Tradition. Das Ergebnis ist eine ideengeschichtlich informierte Morphologie, die der moralischen Ambivalenz des Phänomens gerecht wird. Als wichtig hervorzuheben sind auch die Hinweise darauf, dass es – neben der Technik – gerade der ideologische Blick und die Aufladung mit Moralin waren, die die modernen Kriege noch schrecklicher gemacht haben als die alten.
Der Krieg als Mysterium
Bleibt die Frage, warum wir trotzdem immer noch Krieg führen und warum die Welt so häufig dem Opferaltar gleicht, den Joseph de Maistre in blutigen Farben gemalt hat. Gros nimmt in den Blick, was Mythen dunkel andeuten, moderne Vertragstheorien aber oft verschleiern: Krieg und Gewalt stehen am Beginn der Staatlichkeit (vgl. S. 43 f.). Darüber hinaus sind die Gründe, weshalb man in den Krieg zieht, leider nur allzu menschliche (vgl. Kap. 6). Diese Diagnose führt unweigerlich zu der Frage, die sich angesichts des Mysteriums aufdrängt: Wie tief ist der Krieg in der Conditio humana verankert? Gros geht davon aus, dass es nicht die Natur, sondern die menschliche Kultur ist, die den Frieden gefährdet (vgl. S. 90 f.). Das erinnert an Rousseau und steht in Kontrast zu den realistischen Traditionen, auf die sich der Band sonst häufig beruft. Insofern hätte man in Sachen Anthropologie noch nähere Erörterungen erwarten können; das schmälert aber nicht den Wert der Morphologie des Krieges, die uns geboten wird.








