Toni Loh

Feministische Technikphilosophie

Ausgabe: 2026 | 3
Feministische Technikphilosophie

Beeinflusst der vitruvianische Mensch nach Leonardo da Vinci unsere Vorstellung eines menschlichen Körpers? Ist dieses Menschenbild nicht an männliche Identifikationen geknüpft? In welcher Form ist Repräsentation überhaupt gewollt? Spielt es beispielsweise nicht technikkapitalistischen Mechanismen in die Hände, wenn wir Repräsentation über Datenvielfalt erzeugen wollen und damit noch mehr von uns preisgeben? Diese Verkettung von Fragen steht beispielhaft für das, was Toni Loh mit diesem Buch als feministische Technikphilosophie zugänglich macht. Es sind Debatten, deren Inhalte eine Vielzahl an Themenbereichen umspannen und damit auf den ersten Blick unübersichtlich wirken können. Loh gelingt in diesem Lehrbuch aber, diese Komplexität zu entschärfen, indem durch eine klare und einladende Strukturierung in die Thematik eingeführt wird, ohne dabei inhaltliche Tiefe zu opfern.

Bevor die inhaltliche Dimension der feministischen Technikphilosophie angesprochen werden kann, muss zuerst geklärt werden, was unter Feminismus, was unter Technik und was unter Philosophie in diesem Buch verstanden wird. Dieser Schritt gelingt Loh, indem eine Balance zwischen der nuancenreichen Auslegungsvielfalt der unterschiedlichen Bereiche und einer greifbaren, für den Rahmen dieses Buchs notwendigen Klarheit eingehalten wird. So macht Loh einerseits auf unterschiedlichste Feminismen aufmerksam, unterstreicht aber die für dieses Buch wichtigen geteilten Ebenen der kritischen Status quo- und Selbstreflexion. Ähnliches gilt für das Thema Technik, bei dem Loh eine relationale Beschreibung liefert, die Technik von der jeweiligen ontologischen und sozialen Perspektive abhängig macht. Abschließend kommt der Philosophie die Rolle einer Disziplin zweiter Ordnung zu, welche hauptsächlich normative Fragen über Disziplinen der ersten Ordnung stellt. Als Beispiel dafür nennt Loh das Zusammenspiel von Bioethik und Biologie.

Nach einem kurzen Exkurs über die Geschichte unterschiedlicher Feminismen legt Loh einige Themenkomplexe dar, welche den Hauptteil der feministischen Diskussionen des globalen Nordens zum Thema Technik und Wissenschaft darstellen. Dazu gehört die Frage der Identität, welche Loh auf drei Ebenen betrachtet: Identität in Form der Existenz, des Selbstverständnisses und der Repräsentation. Der Existenz kommt dabei die personelle und soziale Ausgestaltung der eigenen Identität zu. Das Selbstverständnis beschreibt die geschlechtliche wie beziehungsorientierte Identität, Repräsentation setzt diese beiden individuellen Ebenen in einen gesellschaftlichen Bezug und fragt nach Sichtbarkeit und Anerkennung der eigenen Identität.

Ausgehend von diesen Definitionen beleuchtet Loh das Thema Identität anschließend von drei Seiten: zuerst von einer feministischen, dann von einer technischen und abschließend von einer philosophischen. Bezüglich der feministischen Seite wird dabei unterstrichen, welche fundamentale Rolle Identität als Thema in feministischen Debatten spielt, sei es die Trennung von sozialem und biologischem Geschlecht oder die Möglichkeit der Selbstdarstellung. Anschließend wird im Kontext der technischen Reflexion auf Kunst, soziale Medien und den digitalen Raum als Möglichkeit der Repräsentation eingegangen. Hierbei wird besonders die Chance unterstrichen, durch Bildpolitik eine Enttabuisierung von Themen wie Mutterschaft hervorzurufen. Abschließend wird auf eine philosophische Betrachtung eingegangen, welche allgemeine Fragen der Identität stellt: Was ist Identität? Wer kann eine Identität haben? Kann man Identitäten gewichten? Dabei kommen aber auch Themen zur Sprache, die sich mit den vorherigen Debatten überschneiden. Diese Überschneidungen sind kein Zufall, sie spiegeln wider, wie eng die drei Perspektiven im Buch miteinander verwoben sind. Beispielsweise wird die Existenz einer digitalen Identität diskutiert, welche in Bezug zur technischen Reflexion steht.

Loh entlässt die Leser:innenschaft dieses Lehrbuchs mit einer Anleitung zur praktischen Anwendung der Perspektive der feministischen Technikphilosophie. Dabei geht Loh in drei Stufen vor: Zuerst wird eine Analyse vorgenommen, anschließend die daraus resultierenden Ergebnisse reflektiert und diese abschließend in einen utopischen Kontext gesetzt. Damit wird nicht nur die Praktikabilität der feministischen Technikphilosophie greifbar, sondern auch unterstrichen, dass hier Methoden zum Einsatz kommen, die in anderen wissenschaftlichen Disziplinen bereits verbreitet sind. Mit diesem erneuten Dreischritt gelingt Loh ein Abschluss, der die Qualitäten des gesamten Lehrbuchs widerspiegelt: Diese Auseinandersetzung ist sowohl einführend als auch ausführlich. Sie konfrontiert mit Neuem, verankert es aber im Vertrauten. Sie macht Komplexität spürbar, verpackt diese aber auf verständliche Weise. Gerade für Leser:innen, die dem Thema bisher wenig Berührungspunkte hatten, macht dieses Buch deutlich, dass feministische Technikphilosophie keine Nischendebatte ist, sondern Fragen stellt, die uns alle angehen.