
Dass sich Einsamkeit negativ auf uns Menschen auswirkt, ist keine Neuigkeit. Der Neurowissenschaftler Ben Rein behandelt in „Why Brains Need Friends: The Neuroscience of Social Connection“ Einsamkeit im Kontext der Gehirngesundheit. Ergänzend zu seinen Ausführungen, warum wir Menschen soziale Verbindungen brauchen, zeigt er in gesonderten Kapiteln auf, welche Rolle soziale Medien spielen oder aber thematisiert den Wert von Haustieren. Das in relativ einfacher Sprache gehaltene Buch liest sich vor allem auch als Plädoyer gegen Einsamkeit und fordert Lesende aktiv dazu auf, Strategien zum Wiederaufbau sozialer Kontakte zu etablieren.
Einsames Gehirn, kranker Körper?
Einleitend erklärt der Neurowissenschaftler welche neurologischen Vorgänge im Kontakt mit anderen Menschen entstehen: Soziale Interaktionen setzen Oxytocin, Serotonin und Dopamin frei, welche jeweils als belohnende Chemikalien angesehen werden und in uns ein gutes Gefühl auslösen. Erklärt werden diese Vorgänge zum Teil damit, dass Menschen ursprünglich darauf angewiesen waren in Gruppen zu leben und es so eine logische Konsequenz ist, dass soziales Verhalten belohnt wird. Wenn aber zwischenmenschliche Begegnungen zu positiven Effekten führen, warum vermeiden wir diese Kontakte dann zunehmend? Warum wird Einsamkeit mehr und mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem? Das liegt wiederum an einer weiteren Besonderheit unseres Gehirns, nämlich der Fähigkeit, Voraussagen zu treffen. Wir sind es schlicht mehr und mehr gewohnt, das Leben unserer Freunde über soziale Medien zu verfolgen, anstatt einander zu treffen oder mit einem Chat-Bot zu sprechen, wenn wir den Kundenservice kontaktieren. Diese Erfahrungen prägen unser Gehirn und so setzen wir auch immer weniger soziale Kontakte voraus. Einsamkeit führt aber nicht nur zu weniger Glücksgefühlen, sondern erhöht auch den Cortisolanteil im Körper. Das eigentlich Entzündungshemmende „Stress-Hormon“ kann bei langfristig erhöhten Werten auch zu einer Immunisierung führen, der Körper reagiert nicht mehr auf die Wirkung des Hormons und ist anfällig für chronische Entzündungen. Beachtlich daran, die erhöhten Cortisolwerte sind nach sozialen Interaktionen wieder rückläufig. Umgekehrt zeigen sich die Konsequenzen von dauerhaft erhöhten Cortisolwerten im Experiment mit Mäusen: Die Sterblichkeit nach einem Schlaganfall bei isolierten Mäusen ist im Vergleich zu sozial gehaltenen Tieren wesentlich erhöht. Ähnliches zeigt sich auch bei Herzinfarkten und auch das Risiko psychischer Probleme steigt bei Einsamkeit stark an.
Begrenzte Empathie
Wir müssen gähnen, wenn unser Gegenüber gähnt. Das ist wohl das einfachste Beispiel für das Übertragen von Zuständen zwischen Personen. Was Rein als „emotional contagion“ (S. 66) beschreibt, ist die menschliche Tendenz, die Mimik des Gegenübers zu spiegeln, was wiederum Auswirkungen auf die eigenen Emotionen hat. Die wissenschaftlichen Erhebungen in diesem Feld sind vielfältig und reichen von der Wahrnehmung von Comics bis hin zu den Folgen von Botox, mit dem Fazit, dass der Einfluss vice-versa funktioniert: Nicht nur Emotionen bedingen Mimik, auch gegenteilig kann ein vermeintlich unechtes Lächeln dennoch zu mehr Freude führen. Spiegeln wir also den Gesichtsausdruck anderer, beeinflusst das auch unsere eigene Empfindung. Beziehungsweise: Kann beeinflussen. Denn unser Gehirn ist ziemlich selektiv in der Anwendung von Empathie und beschränkt sich auf Menschen, die uns ähnlich sind und / oder nahe stehen. „We are unfortunately wired to feel apathy for many of the people we find ourselves surrounded by today“ (S. 83). Treten wir folglich in Verbindung mit anderen Menschen, empfinden wir in der Regel Glücksgefühle und auch körperlich werden wir resilienter. Was geschieht aber, wenn wir das direkte Gegenüber durch ein Chatfenster ersetzen? Die gute Nachricht: Online zu kommunizieren ist immer noch besser als gar nicht und nicht alle online Kommunikationsmittel sind gleich schlecht. Je weniger wir von unseren Gesprächspartner:innen mitbekommen, also Geruch, Mimik, Gestik oder Stimme, desto weniger positiven Einfluss nimmt das Gespräch. Entsprechend kann ein Videocall noch die beste Alternative zum persönlichen Treffen sein, während eine Chatnachricht die schlechteste Variante darstellt. Doch auch bei Chats differenziert der Neurowissenschaftler, denn tatsächlich zeigten Experimente, dass Nachrichten mit Smileys bei den Empfänger:innen ähnliche Reaktionen wie ein tatsächliches Gegenüber auslösen können.
Zwar konstatiert Rein, dass sich soziale Medien ebenso wie die (politische) Spaltung der Gegenwart negativ auf unsere Gesundheit auswirken, außerdem unsere Hirnstruktur selbst Spaltung zum Teil fördert und trotz alldem bleibt Rein zuversichtlich und schreibt engagiert und mit vielen Praxistipps gegen die zunehmende Vereinsamung an.







