
Nicole Mayer-Ahuja eröffnet „Klassengesellschaft akut“ mit einer klaren Diagnose: Der Begriff „Klasse“, lange als überholt abgetan, ist zurück. Die Kluft zwischen Arm und Reich verläuft entlang der Trennlinie zwischen Kapital und Arbeit. Sozioökonomische Ungleichheit beschneidet Lebenschancen und kann Lebenszeit kosten (vgl. S. 10). Was bedeutet Klassengesellschaft heute? Gibt es noch eine arbeitende Klasse mit gemeinsamen Interessen – und kann in einer Gesellschaft, in der Konkurrenz zur Leitnorm geworden ist, Solidarität entstehen?
Im ersten Teil, „Wie Arbeit Klasse aktualisiert“, bestimmt Mayer-Ahuja den Klassenbegriff und blickt historisch zurück. Die grundlegende Frage – wer Arbeitskraft kauft und wer sie verkaufen muss – spaltet die Gesellschaft. Vom viel beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalt, der klassengesellschaftliche Realitäten eher verschleiert als erhellt, unterscheidet sie echte Solidarität (vgl. S. 62). Solidarität müsse „performativ” sein – sie entsteht zwischen Gleichgestellten, die ihre Lohnabhängigkeit und einen Gegnerbezug erkennen (vgl. S. 64f.).
Der zweite Teil, „Arbeitende zwischen Einheit und Spaltung“, beleuchtet die Arbeitswelt. Großunternehmen beispielsweise verlagern Verantwortung nach unten und nutzen beruflichen Ethos, um Leistungsdruck zu steigern: Beschäftigte fühlen sich selbst verantwortlich, statt Missstände kollektiv zu thematisieren. Sie fragt, unter welchen Bedingungen sich Arbeitende als solidarisches Wir wahrnehmen, das sich eher vom Management als von Kolleg:innen abgrenzt. Oft richtet sich Unmut nach unten, statt gegen jene, die von der Spaltung profitieren.
Im dritten Teil, „Was tun?“ zeigt die Autorin: Spaltung ist politisch hergestellt und veränderbar. „Wer auf fremde Arbeitskraft zugreift, muss deren angemessene Reproduktion auf Dauer sicherstellen“ (S. 210). Sie fordert, Prekarisierung umzukehren: Leiharbeit müsse besser bezahlt, Minijobs abgeschafft werden, denn „abhängige Beschäftigung ohne Sozialversicherungsschutz ist existenzbedrohend“ (S. 208).
Die Autorin beschreibt soziale Spaltung, ohne in Pessimismus zu verfallen. Sie zeigt, dass in den Strukturen der Klassengesellschaft auch Potenziale der Solidarisierung liegen – wenn wir „ohne Schere im Kopf über den Status quo hinausdenken“ (S. 233). Ein Buch, das wachrüttelt und zum Nachdenken über Arbeit, Gerechtigkeit und Demokratie anregt.








