Frauke Rostalski

Die vulnerable Gesellschaft

Ausgabe: 2025 | 3
Die vulnerable Gesellschaft

Frauke Rostalski macht in ihrem Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ auf eine bislang wenig beachtete Problematik aufmerksam. Unsere Gesellschaft entwickle sich zu einer Gesellschaft der Vulnerablen, denn es werden immer mehr Verletzlichkeiten erkannt, und wo sie erkannt werden, wird schnell nach staatlichen Regelungen gerufen. Und hier liegt das Problem: Wie weit wollen wir unsere Freiheit, nämlich eigenverantwortlich zu handeln, aufgeben, um mehr Sicherheit von Seiten des Staates zu bekommen?

Rostalski möchte zur Kenntnis über diesen Trend beitragen und zum Gespräch auffordern, nicht die Entwicklung einer höheren Sensibilisierung gegenüber Vulnerablen kritisieren. Es geht ihr um den Erhalt demokratischer Werte und Freiheit. Sie legt einige Entwicklungen des Rechts der letzten Jahre vor, um zu zeigen, wie stark die Annahmen von Verletzlichkeiten zugenommen und Einfluss auf Gesetze genommen haben. Diese Annahmen neigen außerdem dazu, sich zu steigern. Es besteht daher eine Gefahr der Übernormierung. Sie beleuchtet unter anderem die Pandemiepolitik, die rechtliche Regulierung der Suizidbeihilfe und das Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Frau. Ohne in diesen Fragen abschließende Antworten geben zu wollen betont die Autorin hiermit ihre These einer Zunahme von Vulnerabilitäten. Doch die Gewährleistung individueller Freiheit steht im Zentrum eines freiheitlichen Rechtssystems. Nehmen jedoch immer mehr Gesetze den Bürger:innen ihre Eigenverantwortung, stellt dies ein Risiko dar. 

Doch nicht nur Gesetzesveränderungen aufgrund wachsender Annahmen von Verletzlichkeit beschränken unsere Freiheit, auch in der Kommunikation lässt sich ein Phänomen ausmachen, das Rostalski Diskursvulnerabilität nennt. Man fühlt sich schneller durch Worte verletzt; sowohl in privaten als auch öffentlichen Debatten gibt es Reizthemen, und es ist schwieriger geworden, überhaupt miteinander zu sprechen. Das ist aber so wichtig für die Demokratie, sowie sich Konflikten zu stellen. „Diskursvulnerabilität beeinträchtigt die Grundkompetenz des Bürgers zur Teilhabe am öffentlichen Aushandlungsprozess als Herzstück der Demokratie“ (S. 173). Insofern stellt die Diskursvulnerabilität eine „Gefahr für ein freiheitliches Gemeinwesen“(S. 153) dar, wenn sie dazu führt, dass Diskurse nicht geführt werden. Wir müssen offen über das sprechen, wie wir miteinander sprechen, so Rostalski.