
Was ist Bioethik eigentlich, ist die Leitfrage dieses Buchs von Petra Gehring. Darin formuliert sie die Erkenntnisse von zehn Jahren Recherche, fast 90 Gesprächen mit Bioethik-Beteiligten und vielen Überlegungen. Das Resultat ist eine Schrift, die die ursprüngliche Frage in einen interdisziplinären Kontext setzt und versucht, die Entstehung, Entwicklung und Anwendung der Bioethik in Deutschland aufzuschlüsseln.
Zur Entstehung der Disziplin
Nach einer Reflexion der nationalen wie internationalen Diskussion rund um Bioethik, beschreibt Gehring den Beginn der Disziplin in den USA. Dort kommt sie auf den Einfluss Aldo Leopolds zu sprechen, der in seiner Rolle als Förster und Ökologe die Etablierung der Bioethik bereits in den 1940er- und 1950er-Jahren antizipierte. Die von ihm damals angedachte Ausprägung entspricht aber eher der heutigen Umweltethik als dem medizinisch biologischen Feld, das wir aktuell mit der Bioethik assoziieren. Diese Wissenschaftsdisziplin wurde vielmehr von Warren T. Reich und André Helleger geprägt und auch institutionalisiert, da letztgenannter 1971 die Rolle des Gründers und Direktors des ersten Instituts speziell für Bioethik in Form des „Joseph and Rose Kennedy Institute for the Study of Human Reproduction and Bioethics“ einnahm.
Im Anschluss an diese Darlegung des Ursprungs widmet sich Gehring der Interdisziplinarität der Bioethik, indem sie die Einflüsse und Einflussnahmen der Rechtswissenschaft, der Theologie, der Medizin, der Naturwissenschaften, der Philosophie und der Sozialwissenschaften aufschlüsselt. Dabei verweist sie auf konkrete Beispiele, informiert über Hintergründe und unterschiedliche Rahmenbedingungen, geht in dem Zuge etwa auch auf die Unterscheidung zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe ein. Aus der rechtswissenschaftlichen Perspektive präsentiert sie dabei das Beispiel eines Arztes, der 1981 eine nach einem Suizid bereits bewusstlose Frau nicht mehr reanimierte. Der deutsche Bundesgerichtshof entschied 1984 für den Freispruch des Arztes und schränkte damit die Hilfspflicht von Ärzt:innen bei Suizidfällen massiv ein, was viele Fragen und Diskussionen nach sich zog. Ein weiteres Beispiel stellen Biopatente dar, Gehring fokussiert hier auf die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Thematik innerhalb der Kirche und Theologie.
Eine Gefahr von Instrumentalisierung gilt es stets zu bedenken
Die Autorin nimmt weitergehend die Bereiche der Politik und Medien in den Blick, beschreibt, wie sich das aktuelle Recht und der gesellschaftliche Blick historisch geformt haben, setzt diesen politischen und gesellschaftlichen Rahmen in Bezug zum interdisziplinären Einflussbereich der Bioethik und endet mit der Aufforderung , die Dimensionen dieser Disziplin fortlaufend zu diskutieren, sich außerdem der Gefahr ihres ‚Anwendungscharakters‘ in Form von Instrumentalisierung zu vergegenwärtigen.








