
Dieter Thomä, deutscher Philosoph, zuletzt Professor an der Universität St. Gallen, äußert sich deutlich verärgert und kritisch über die zunehmende Tendenz, gesellschaftliche Phänomene mit der Vorsilbe „Post-“ zu beschreiben. Er zählt eine Reihe von Beispielen auf: post-kapitalistisch, post-heroisch, post-humanistisch, post-materialistisch, post-migrantisch, postfaktisch und (immer wichtiger?) post-truth. Für Thomä ist der Boom dieser Vorsilbe ein starker Hinweis darauf, dass verschiedene Denkschulen ihren Erfolg oft weniger der Substanz und Originalität ihrer Theorien verdanken, sondern vielmehr der einfachen Anfügung dieses Präfixes, das eine oberflächliche Neuheit suggeriert.
Kritik an der Verwendung
Er zieht einen Vergleich zu Zeiten, in denen neue Zustände mutiger und mit eigenen, originären Begriffen definiert wurden, welche eine klare Abgrenzung und eine neue Perspektive boten. Als illustratives Beispiel führt Thomä an, dass Karl Marx sicherlich niemals das „Manifest der post-kapitalistischen Partei“ verfasst hätte. Als besonders ärgerlich empfindet es Thomä, wenn Theoretiker:innen, die den Begriff „Post-“ verwenden, für ihre angebliche „Bescheidenheit“ gelobt werden – mit der Begründung, sie würden darauf verzichten, großspurig Neues zu verkünden. Für Thomä ist diese Haltung jedoch nicht Bescheidenheit, sondern schlichtweg Einfallslosigkeit (S. 7).
Auf einer abstrakteren Ebene sieht Thomä das Problem in der Verwendung der Vorsilbe darin, dass sie den Einblick in das, was ist, grundlegend verzerrt. Unsere Analyse der Gegenwart wird zuerst im Kontrast mit dem Vergangenen vorgenommen. Er sagt, dass der semantische Kern, der in diesen „Post“-Positionen liegt, Wirkung entfaltet: Er definiert die Jetztzeit als eine „Nachzeit“ (S. 26).
Thomä bezieht sich auch auf andere Kritiker:innen des „Post-“-Konzepts, darunter die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown, die auf einen fundamentalen Widerspruch hinweist. Laut Brown signalisiert die Vorsilbe „Post-“ zwar, dass etwas zeitlich nachgeordnet ist, aber keineswegs, dass die Vorphase damit „enthoben“ oder überwunden wurde. Im Gegenteil: Das Vergangene sei in keiner Weise hinter sich gelassen worden, sondern präge die Gegenwart unweigerlich, wenn es diese nicht sogar dominiere. Tomä zitiert Browns prägnante Formulierung: „Anders gesagt, wir gebrauchen den Ausdruck ‚post‘ nur für eine Gegenwart, deren Vergangenheit sie weiterhin im Griff hat und sie strukturiert“ (S. 24). Es ist fraglich, ob Theoretiker:innen, die den Begriff „Post-“ nutzen, das auch tatsächlich aussagen wollen.
Thomä treibt seine Kritik noch weiter und äußert einen grundlegenden Verdacht: Könnte es nicht sein, dass gar nicht die Vergangenheit die Folgezeit in diesem Sinne determiniert, sondern die Beschreibung eines „Post-Zeitraums“ sich selbst ein bestimmtes Bild der Vergangenheit zurechtbastelt? Er stellt dabei die provokanten Fragen, ob die Vergangenheit durch „Post“-Theoretiker:innen umgedeutet wird und ob das Theoretisieren über die „Post-Moderne“ die Vergangenheit erst zu jener „Moderne“ macht, die sie vielleicht in ihrer tatsächlichen Form niemals war.
In seinem Werk widmet sich Thomä sehr ausführlich den Begriffen „Posthistoiere“, „Postmoderne“ und „Postkolonialismus“. Anhand dieser drei Beispiele zeigt er detailliert auf, welche beabsichtigten und unbeabsichtigten Effekte das Hinzufügen der Silbe „Post-“ auf unsere gesellschaftlichen Debatten hatte.
Sollte man auf die Vorsilbe „Post-“ ganz verzichten?
Abschließend stellt der Autor die Frage, was passieren würde, wenn man auf die Vorsilbe „Post-“ ganz verzichten würde. Er plädiert: „Es ist höchste Zeit, die Blickrichtung zu ändern und der Zukunft, die von dem Postismen schlampig behandelt worden ist, die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient“ (S. 322). Thomä argumentiert, dass aktuelle und drängende globale Herausforderungen wie Klimawandel und Kriege das Potenzial hätten, als die gegenwärtig maßgeblich bestimmenden Fragen unserer Zeit behandelt zu werden. Diese fundamentalen Themen sollten die volle Aufmerksamkeit erhalten, anstatt dass die Gegenwart durch eine rückwärtsgewandte „Post-“Perspektive, die den Fokus unangemessen auf die Vergangenheit lenkt, verzerrt werde.








