
„Eines der großen unerklärlichen Wunder der Menschheitsgeschichte besteht darin, dass die geschriebene Philosophie in verschiedenen Teilen der Welt mehr oder weniger gleichzeitig und völlig unabhängig voneinander entstanden ist“ (S. 11). Zweifellos ein beeindruckender Gedanke, den Julian Baggini an den Anfang seines Buches stellt. Diesem Wunder zum Trotz ist das, was beansprucht, Philosophie zu sein, nur ein kleinerer Ausschnitt aus diesem großen Ganzen. „Trotz all der Vielfalt und des Reichtums der philosophischen Traditionen auf der Welt wird die westliche Philosophie […] als universale Philosophie dargestellt: als die ultimative Untersuchung menschlichen Verstehens“ (S. 12), schreibt der Autor, der eben diese westliche Philosophie 30 Jahre lang studiert hat und der „in letzter Zeit (und mit einiger Verspätung)“ (S. 13) die großen klassischen Philosophien aus dem Rest der Welt entdeckt und von Kontinent zu Kontinent gereist ist, um sie zu studieren. Das Kondensat dessen, was er dabei lernen durfte, ist in der Tat beeindruckend. Sein Buch versteht sich als „eine selektive Geschichte der globalen Philosophie, die die oft verborgenen Fundamente ausgräbt, auf deren Grundlage die Welt heute denkt“ (S. 18).
Besseres Verständnis durch die Einnahme multipler Perspektiven
Das in einer Rezension darstellen zu wollen, in einer solch kurzen zumal, ist schlicht nicht möglich. Deshalb entspricht es der Intuition und der Vernunft gleichermaßen, wenn ich mich auf eine zentrale Erkenntnis beschränke, die der Autor gewonnen hat. Am Ende seines 440 Seiten umfassenden Werks kommt er noch einmal auf das Thema Objektivität zu sprechen. Seine Erkenntnis: Wir müssten die Idee des Blicks von nirgendwo aufgeben und akzeptieren, dass ein Blick immer von irgendwoher kommt – und anstelle dieses einen Blicks nach Ansichten von überall her suchen. Es gelte, von dem „fehlgeleiteten Ideal einer ortlosen Universalität“ Abstand zu nehmen und die Vorteile zu nutzen, die sich aus der Einnahme verschiedener geistiger Orte ergeben. Baggini nennt drei Wege, durch die Einnahme multipler Perspektiven ein besseres Verständnis zu erlangen. Er unterscheidet eine kubistische, eine aufschlüsselnde und eine pluralistische Perspektive. Hier die kurze Essenz zitiert: „Die kubistische Perspektive lässt uns das Ganze, einzelne Bild besser sehen, indem wir es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Die aufschlüsselnde Perspektive lässt uns erkennen, dass das, was wir zunächst für ein einziges Problem hielten, in Wirklichkeit aus mehreren verschiedenen Problemen besteht. Die pluralistische Perspektive lässt uns feststellen, dass es in Bezug auf Ethik und Politik keinen einzigen übergeordneten Wert oder eine Reihe von Werten geben kann, die zu jeder Zeit und an jedem Ort passen“ (S. 398). Ein großartiges Buch, das mit der grotesken Überheblichkeit und vermeintlichen Überlegenheit der westlichen Philosophie (und vieler ihrer Vertreter:innen) aufräumt und in der Vielzahl der Orte unserer Welt eine schlüssige Metapher für die Erweiterung menschlichen Denkens findet.








