Benjamin Maack

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

Ausgabe: 2020 | 4

„Als ich wieder gesund bin, will ich Friederike erklären, wie Depressionen sind. Aber Depressionen sind geschickt. Ist man gesund, kann man sich nicht mehr daran erinnern, wie es war krank zu sein. Und ist man krank, kann man sich nicht vorstellen, je wieder gesund zu werden.“ (S. 29) Also schreibt Benjamin Maack mit, als die depressiven Episoden wieder so schlimm werden, dass der stationäre Aufenthalt in einer Psychiatrie der einzige Weg des Weitermachens, Weiterlebens ist. Eintrag um Eintrag versucht er, seinem Ich- und Istzustand eine Form zu geben, versucht fassbar zu machen, was mit ihm ist, was er ist. Und manchmal bleibt da einfach: Nichts. Alles zerbrochen zu einer scheinbaren Nicht-Existenz, in der, wenn überhaupt, nur mehr unendliche Scham und Selbsthass Platz haben: „An manchen Tagen hasse ich mich so sehr, dass ich mich bestrafen muss. Damit dieses widerliche, fadenscheinige, wertlose Kostüm Mensch für den Rest der Welt erkennbar wird als etwas, das kaputt ist. Das geflickt werden muss. Besser weggeworfen.“ (S. 256f.) Weiter ausführende Selbstverletzungs- und Selbstmordgedanken spielen eine tragende Rolle in einigen der Notizen, Maack konsultierte daher vor der Publikation einen Suizidologen, um sicherzustellen, dass die Lektüre nicht zum Nachahmen verleiten würde. Ihm wurde das Gegenteil bescheinigt, betont wurde die Relevanz, darüber zu sprechen und zu schreiben – ohne zu beschönigen oder zu heroisieren. (vgl. S. 333) Und das macht Maack nicht.

Inhalt, Erzählstruktur und Form müssen in diesem Buch zusammengedacht werden. Die Einträge sind (mit wenigen Ausnahmen) chronologisch durchnummeriert, erscheinen damit einerseits als beruhigender Haltepunkt, weil klar ist, was auf 119 folgt, zugleich als schmerzhaft, weil offensichtlich scheint, dass mit 220 die letzte Zahl im Buch benannt, das Weiterzählen aber Alltag ist. Die Notizen selbst sind von unterschiedlicher Länge, mal ein Satz, mal vier Seiten; zusammenhängende Fließtexte wechseln ab mit Gedanken- und Satzbruchstücken, bloßen Wörtern, Leerzeichen und unbeschriebenen Flächen. Das grafische und sprachliche Auseinanderfallen, das Wiederzusammensetzen zeigt Wirklichkeit, so gut es geht. Im Kontext aller Beiträge ist – mehr noch als das wiederkehrende „Herr Mack, wie fühlen sie sich?“ und das oftmals einzeln dargestellte Wort „Funktionieren“ – am grausamsten nur: Leere.