Christina von Braun, Tilo Held

Kampf ums Unbewusste

Ausgabe: 2026 | 3
Kampf ums Unbewusste

Das Buch „Kampf ums Unbewusste‘‘ von Tilo Held und Christina von Braun untersucht die Rolle unbewusster Prozesse in Gesellschaft und Politik. Bereits im Vorwort beschreiben die Autor:innen ihr Projekt als Experiment und das nicht nur, weil sie als langjähriges Paar erstmals gemeinsam schreiben, sondern auch wegen des schwer greifbaren Gegenstands: das Unbewusste.

Der erste, umfangreichere Teil von von Braun verfolgt eine Art Biografie des Begriffs vom späten 18. Jahrhundert bis zur Psychoanalyse. Anhand zahlreicher Beispiele aus Philosophie, Literatur und Geschichte zeigt sie, wie sich Vorstellungen vom Unbewussten wandelten, bis Freud zentrale Impulse setzte und verschiedene Schulen entstanden. Besonders detailliert beleuchtet sie, wie das Unbewusste in totalitären Systemen instrumentalisiert wurde, etwa in Russland und im Nationalsozialismus, und spannt von dort den Bogen bis in die Gegenwart, geprägt von digitalen Medien, KI, Krisen und autoritären Strömungen.

Im zweiten Teil ergänzt Held die Perspektive um klinische und therapeutische Erfahrungen. Er legt einen Schwerpunkt auf Trauma-Forschung, etwa bei Holocaust-Überlebenden, und zeigt, wie stark kultureller Kontext den therapeutischen Erfolg beeinflusst. Zugleich betont er die Bedeutung von Vertrauen, Beziehungen und sozialen Rahmenbedingungen für individuelle Resilienz. Held plädiert dafür, Psychoanalyse weiterzuentwickeln und mit anderen Sozialwissenschaften wie Anthropologie zu verknüpfen.

Unbewusste Prozesse haben auch politische Relevanz

Zentral bleibt die These, dass unbewusste Prozesse nicht nur individuell, sondern auch politisch relevant sind. Narrative, Bilder und emotionale Muster prägen Wahrnehmung oft stärker als rationale Argumente. Gleichzeitig ist nicht immer ganz klar, wie genau das Unbewusste im Buch gefasst wird z. B. mal als psychologisches Konzept, mal in einer eher metaphorischen Bedeutung.

„Kampf ums Unbewusste“ ist damit eine Mischung aus Analyse und gesellschaftskritischer Reflexion, das historische, psychologische und politische Perspektiven verbindet. Es zeigt, dass Psychoanalyse heute noch als Instrument von Erkenntnis, Reflexion und Kritik dienen kann, auch wenn nicht alle Argumente gleichermaßen überzeugend ausgearbeitet sind.