In seinem vierten Buch entwickelt der Wiener Universitätsprofessor für theoretische Physik seine Sicht vom "Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters" weiter in Richtung einer philosophischen Weltsicht, die sich bemüht, umfassend zu sein. Sein Traum von einer "Welt, die wir uns schaffen", vereint die christlich-jüdische, die fernöstliche und auch indigene Weitsicht zu einer sehr eigenständigen Vision einer lebenswerten Welt - trotz aller Bedrohungen durch Ideologien, Technologien und dem Zeitdruck, die ihrer Umsetzung entgegenstehen. Pietschmann integriert in seine Schriften die Essenz vieler Gespräche mit Studenten, Bürgerinitiativlern und Managern, aber auch aus Symposien mit Zen-Buddhisten und Taoisten, die ihn als einen der wenigen "westlichen" Experten schätzen. Die "Öffnung des naturwissenschaftlichen Denkens", dessen Voraussetzungen er in "Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte" erläutert, führt ihn - als Mitbegründer des "konstruktiven Realismus" - hin zum scheinbar unlösbaren Widerspruch zwischen der nicht erkennbaren" Realität", in der wir alle leben, und der" Wirklichkeit", die wir uns fortdauernd selber schaffen.

Gerade in der integrativen Schau "des Anderen", die nicht dem "Entweder-Oder" der Technik und Logik gehorcht, lernt man sowohl das Andere kennen, als auch "sich selbst zu finden". Absolutistische Weltbilder eliminieren diese Widersprüche durch Macht und Gewalt, während relativistische sie gar nicht ernst nehmen. Beide Einstellungen können zu Fortschrittsfeindlichkeit oder -euphorie führen und damit in Katastrophen enden. Von Politikern, Managern, aber auch Wissenschaftlern erwartet Pietschmann u. a., dass sie sich nicht nur auf ihre Sorgfaltspflicht reduzieren, sondern Verantwortung übernehmen.

M. Rei.

Pietschmann, Herbert: Die Spitze des Eisbergs. Von dem Verhältnis zwischen Realität und Wirklichkeit. Stuttgart (u. a.): Weitbrecht, 1994. 2685., DM 36,- / sFr 30,-/ ö5 281