Die jährlich erscheinende Jahresschrift der Max-Himmelheber-Stiftung nimmt sich in bewährter Weise einer Vielfalt von Themen an. Die Bandbreite reicht vom Denken und Handeln in der Moderne über die Fortschrittsdiskussion bis hin zu kritischen Anmerkungen in Philosophie, Naturwissenschaft, Anthropologie, Pädagogik, Politik und Soziologie. Ob ein solch buntes Konglomerat an Inhalt und Form noch zeitgemäß erscheint in einer Zeit, in der Veränderungen immer schneller, Kommunikationsformen immer eiliger und das Nachdenken immer unpopulärer wird, mag der Leser entscheiden. Die „Scheidewege” bieten zumindest die Chance, innezuhalten und sich dem einen oder anderen Thema zu widmen.

Etwa mit dem Beitrag von Günther Bittner, der einen Rückblick auf die 68er Studentenbewegung (Die Utopie einer Befreiung und ihr Scheitern) vornimmt und dabei sowohl den Antikapitalismus als auch die sexuelle Befreiung und die antiautoritäre Reformpädagogik von Summerhill als gescheitert betrachtet. Seiner Ansicht nach bringen die Menschen heute „nicht mehr die Kraft auf, sich von einer Utopie, einem Traum ergreifen zu lassen - und aus dieser Ergriffenheit heraus etwas in Bewegung zu bringen” (S. 24).

Erwin Chargaff legt in einem ergreifenden Text eine Art Lebensbeschreibung vor, nach eigenen Worten „ein zögernder Versuch darzustellen, wie die Welt und die Menschen mir während meines Lebens erschienen sind, und vielleicht auch ich ihnen” (S. 27). In seinem Artikel (Technik als Religionsersatz) vertritt Hans-Dieter Mutschler die These, „daß religiöse Vorstellungen den Technisierungsprozeß von Anfang an und bis heute motivierten und zwar sowohl auf Seiten der Produzenten als auch der Konsumenten” (S. 54).

Weitere Themen: Rolf Göppel zum Umgang mit Aggression und Gewalt in der Tradition der psychoanalytischen Pädagogik, Till Bastian über Hexenprozesse, Wolfram Schommers über die Möglichkeit, die Welt vollständig und wahr zu erkennen, Ulrich Horstman über Melancholie. Gedanken zum Fliegen mit und gegen die Natur macht sich Hans Dieter Jünger, Jürgen Dahl schreibt über „Rausch und Tragik der Medizin“ im Umgang mit dem Sterben. Er vermutet, daß gar mancher sich wünscht, „daß man ihm lieber den Tod leicht mache als das Leben so schwer, daß er sich mit einer notariell beglaubigten Willensbekundung gegen seine Erhaltung wehren muß” (S. 249). Den Band beschließt wie immer Christian Schütze mit eher pessimistischen Tönen zur „Lage der Natur in der (bundesdeutschen) Nation”. A. A.

Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken. Dahl, Jürgen ... (Red.). Hrsg. v. d. Max-Himmelheber-Stiftung. Baiersbronn, Jg. 28 (1998/99). 393 S.