Ist der Mensch von Natur aus des Menschen Wolf, mithin ein asozialer Egoist, der nur durch Druck und Zwang zu halbwegs friedlichem Zusammenleben mit seinesgleichen gebracht werden kann? Oder ist er im Grunde seines Wesens gesellig und friedfertig, in seinem Handeln bestimmt vom Bedürfnis nach Bindung und Beziehung, nach Zuwendung und Anerkennung? Menschenbilder unterschiedlicher Richtungen abendländischen Denkens stehen einander in diesem Punkt konträr gegenüber. Tzvetan Todorov skizziert beide Positionen in ihren philosophie-geschichtlichen Zusammenhängen, läßt aber keinen Zweifel daran, daß er entschieden der zweiten Auffassung anhängt. Trotz wohlfundierter Vorbehalte reiht er sich damit in die Tradition Rousseaus, Adam Smiths und Hegels ein. In seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse profiliert sich Todorov als kritisch differenzierender Kenner verschiedener Weiterentwicklungen der klassischen Freudschen Gedanken. Seinen Anschauungen am nächsten steht Fairbairns Objektbeziehungstheorie, die bei uns nur Eingeweihten bekannt ist, jedoch im angelsächsischen Raum großes Renommee genießt und deren Grundzüge hier durchaus stringent erläutert werden. Daß sich der Autor zum Entwurf einer eigenen, dreistufigen Triebtheorie aufschwingt, erscheint indessen als überflüssige Fleißaufgabe, zumal sich sein Konstrukt eines "Seinstriebes" als fragwürdiger Aufguß von Freuds Todestriebhypothese erweist und folglich zur Argumentationslinie des Buchs in Widerspruch gerät. Aggression ist nach Todorov kein angeborener, unter allen Umständen nach Entladung drängender Trieb, sondern eine Reaktionsweise auf widrige Erfahrungen. Auch feindseligen Emotionen und Handlungen liegt das Streben nach Anerkennung als Triebfeder zugrunde, wie anhand historischer und literarischer Beispiele überzeugend dargelegt wird. Praxisferne, graue Theorie? Mitnichten. Dieser großangelegte Essay, der frei assoziierend durch die Ideengeschichte schweift, enthält eine Fülle konkreter Fingerzeige für (nicht nur sozial-)politisches Handeln, das bekanntlich nur allzu oft auf unreflektierten anthropologischen Vorannahmen beruht. Obwohl Todorov vorzuwerfen ist, daß er die ökonomischen Faktoren zugunsten der psychologischen gänzlich vernachlässigt, verdient seine warnende Stimme Gehör: "Wenn das letzte Ziel der politischen Kräfte in einem Land nur darin besteht, soviel Konsum und Produktion wie möglich zu erreichen, ohne sich jemals zu fragen, welche Auswirkungen diese Leistungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen haben werden, droht ein böses Erwachen (... )." R. L.

Todorov, Tzvetan: Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie. Berlin: Wagenbach, 1996. 188 S.