James Suzman

Sie nannten es Arbeit

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Sie nannten es Arbeit

Der Sozialanthropologe James Suzman nimmt einen langen Anlauf bis er Tempo in seinem neuesten Buch Sie nannten es Arbeit gewinnt. Die Struktur des Buches spiegelt damit in gewisser Weise den Inhalt, der, laut der deutschen Übersetzung, nicht weniger ist als „eine andere Geschichte der Menschheit“ (Engl.: Work: A history of how we spend our time). Suzman geht, soweit es belastbare Befunde ihm erlauben, zurück in der Menschheitsgeschichte, um das Wesen der Arbeit und unserer Beziehung zu ihr zu ergründen. Letztendlich wagt er einen Versuch zu verstehen, warum wir trotz fortschreitender Automatisierung und Technologisierung immer mehr statt weniger arbeiten – entgegen der Prognose mancher Ökonomen (John Keynes) und wilden Träumen von Poeten (Oscar Wilde).

Durch die Menschheitsgeschichte reisen

Suzmans Buch ist in vier Teile untergegliedert, in denen er nach einer konzeptionellen Einführung eine Reise durch die Menschheitsgeschichte unternimmt, und sie nach Hinweisen auf Umfang, Art und Organisation von Arbeit sowie deren kulturellen Bedeutung erforscht. Dabei greift er auch immer wieder auf seine anthropologischen Arbeiten mit dem Volk der Ju/'Hoansi, die heute in einem Schutzgebiet in Namibia leben, zurück. Im vierten Teil (Geschöpfe der Großstadt) nimmt Suzman in Rhythmus und Dichte die Geschwindigkeit der Gegenwart auf, nachdem er zuvor explorativer und kontemplativer die Vergangenheit unserer Spezies beleuchtet. Nach eigener Aussage möchte Suzman keine Vision oder Lösungsansätze für die Zukunft entwickeln, sondern uns einen anderen Blick auf das Arbeiten sowie das Knappheits-Narrativ erlauben.

Eine interessante Beobachtung legt Suzman in den Eingangskapiteln des Buches dar: Leben ist arbeiten. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass Suzman eine globale Definition von Arbeit anwendet: „Arbeit [ist] jede zweckgerichtete Verausgabung von Energie für die Bewältigung einer Aufgabe oder die Erreichung eines Ziels“ (S. 15). Heute steht dem Menschen mehr Energie zur Verfügung als jemals zuvor. Als Spezies erzeugen wir verlässlich und „routinemäßig überschüssig Energie“, die wir gemäß dem Entropiesatz als Individuum und auch als Gesellschaft in Form von Arbeit einsetzen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Sowohl im Tierreich als auch bei unseren Ahnen zeigt Suzman auf, dass zyklische oder saisonale Energieüberschüsse mit kulturellen, kreativen Betätigungen einhergingen.

Insbesondere die Wechselwirkung zwischen der Beziehung von Energie und kultureller Entwicklung interessiert Suzman. Er identifiziert vier Überschneidungspunkte: (1) Beherrschung des Feuers, (2) Übergang zu Ackerbau-Gesellschaften, (3) Entstehung von Städten, und (4) Nutzung fossiler Brennstoffe. Diese Meilensteine wirkten sich eben nicht nur auf die Versorgung aus, sondern auch auf die Organisation von Gemeinschaften / Gesellschaften. Auch das Verständnis von Gleichheit und Status ist hiervon betroffen.

Im mittleren Teil des Buches skizziert Suzman wie der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau auch die Haltung gegenüber der Natur veränderte. Während Jäger und Sammler mit der Natur lebten, sich nur nahmen, was sie am jeweiligen Tag brauchten, stellte die Natur für die Bauern ein mühselig zu bearbeitendes Objekt dar, dass ihnen für ihre harte Arbeit heute (z. B. das Bestellen eines Feldes) in ein paar Monaten eine ertragreiche Ernte schuldig sei. Eine spannende Transformation in der Beziehung zur Erde, dessen Auswirkungen wir heute in extremer Form sehen.

Mit seiner anderen Geschichte der Menschheit macht Suzman deutlich, dass unsere heutige Einstellung zur wirtschaftlich-relevanten Arbeit nicht die natürliche Antwort auf eine Knappheit ist, wie es uns manche Ökonomen weismachen möchten, sondern ein kulturell befeuerter Wachstums- und Konsumzwang. An anderer Stelle, z. B. Jennifer Odells wunderbarem Buch „Nichts tun“, wird deutlich, dass verschiedene Institutionen (Kirche, Politik) große Sorge vor Massen mit zu viel Freizeit haben, die sie „unkontrolliert“ für unproduktive oder sogar schädliche Aktivitäten nutzen würden. Im Kontrast dazu legt Suzmans Analyse nahe, dass die überschüssige Energie für vielerlei kreative, musische, gemeinschaftliche Aktivitäten eingesetzt werden könnte.

Spannende Einblicke

Wie beschrieben möchte Suzman selbst keine politische Lösung – das bedingungslose Grundeinkommen kommt dem/r Leser:in in den Kopf – formulieren. Manch ein:e Leser:in mag das ratlos zurücklassen. Was tun mit diesen Gedanken? In erster Linie sehe ich in der Reise durch die Menschheitsgeschichte selbst einen Gewinn. Suzmans Exploration bietet spannende Einblicke in unsere Entwicklung als Spezies. In zweiter Linie stößt Suzman eine Diskussion an, Arbeit breiter zu verstehen, und nicht nur im Sinne unmittelbar wirtschaftlich-relevanter Tätigkeiten – dies rückt viele gesellschaftlich-relevante Tätigkeiten in ein anderes Licht.