In ihren Aufsätzen aus den Bereichen Politik, Psychiatrie, Psychologie, Physiologie, Pädagogik und Geschichtswissenschaft versuchen die Autoren Hans-Joachim Haase, Wilhelm Blasius, Theo Sommer, Franz Pöggeler, Hermann Boventer und Michael Klöcker die Schnittstellen für eine "realistische Anthropologie" aufzuspüren, "das Phänomen der Bedeutung von Gegensätzen und Polaritäten für unser Leben von verschiedenen Aspekten aus zu beleuchten': Sie wollen damit einen "lebensphilosophischen Akzent" setzen.

Das vorliegende Sammelwerk stellt einen Einstieg in die komplexe Materie der ideengeschichtlichen Verlaufslinie des Polaritätsbegriffes bzw. seiner Wirkung auf die unmittelbare Lebenspraxis dar. Kein Leben in unüberbrückbaren Gegensätzen und Dichotomien, keine verkrusteten und einzementierten Standortfixierungen - das sind die Ansprüche der Autoren an eine intellektuelle Geisteshaltung, die das andere, den anderen, das ihr Gegensätzliche bzw. ihr zunächst einmal äußerlich stehende Fremde auf sich wirken lassen kann, es aushält und nicht unmittelbar eliminiert, in ihm aber auch nicht aufgeht, quasi assimiliert wird. Es geht darum, den eigenen Standpunkt immer wieder im Spiegel des Gegensätzlichen, der anderen Polarität kritisch zu hinterfragen. Der geistige Spiegel sollte dabei nicht zerspringen, sondern ein klares und deutliches Bild erfassen, das dann einer kritischen Anamnese und Phänomeninterpretation Platz macht. Daß diese Interpretation nicht wertfrei sein kann, wird bei der Lektüre deutlich. Und hier steckt man schon mitten in der Wertediskussion über einen demokratischen Lebens- bzw. Entscheidungsprozeß: "Der Besitz des absolut Guten, Wahren, Heiligen, Schönen kann un ser Ziel nicht sein'; meinen die beiden Herausgeber einleitend, eine Vorstellung, die sie nicht nur mit Lessing verbindet, sondern auch mit Hegel, der "die absolute Freiheit und ihre Schrecken" in seiner "Phänomenologie des Geistes" beschreibt und die Auffassung vertritt, daß die Idee der absoluten Freiheit eine Idee bleiben muß, denn gilt irgendwo ein reale Form als absolute Freiheit, dann vernichtet sie alle(s) andere(n). Aber auch nicht die scheinliberale und indifferente, beliebig relativistische Haltung eines "anything goes" kann Ziel einer demokratischen Grundausbildung sein. Meinungen sind gefragt, Standpunkte, Meinungs-Polaritäten; Standpunkte, die auch den Gegensatz zu anderen Meinungs-Polen klar artikulieren und in eine demokratisch faire Diskussion einbringen. Für die Wissenschaft gilt, daß die verschiedenen Richtungen gleichwertig miteinander konkurrieren und dabei voneinander lernen, "ihre je eigenen Erkenntnisse registrieren und mit den eigenen verbinden. Nicht mehr bio, sondern polypolares Forschen ist angesagt:'

M. O.

Leben zwischen Gegensätzen und Polaritäten:  Pluralismus in Wissenschaft und Lebensführung. Hrsg. v. Hans-Joachim Haase ... Frankfurt/M. (u. a.): P. Lang, 1998. 117 S., DM 34,- / sFr 32,- / ÖS 267,-