Es ist das Jahr 1989, ein Jahr, in dem die Vorboten politischer Umwälzungen zu erkennen sind, ein unauflösbar scheinender Machtblock zu zerbröckeln beginnt und die Praxis der kommunistischen Idee an der wirtschaftlichen Unzulänglichkeit zu zerschellen droht. Unter diesen Vorzeichen begegnen sich hier Bochumer Professor für Kunstgeschichte Alexander Reschke und die Vergolderin Alexandra Piatkowska aus Danzig in deren Heimatstadt. Allerseelentag „unlöschbar brennende" rostrote Herbstastern ergeben den Anknüpfungspunkt: Zwischen den beiden Verwitweten wächst eine Beziehung, die von realistischer Erkenntnis der Schwächen des Partners und deren Toleranz getragen ist, eine Beziehung, die Verständigung und gleichberechtigtes Nebeneinander möglich werden lässt. Die Eltern Alexandras hatten den einen Wunsch, in ihrer Heimat Vilnius begraben zu werden, wie die des polnisch-stämmigen Alexander gerne in Polen ihre letzte Ruhestätte gefunden hätten. Davon inspiriert, erwacht in beiden die Idee, den Vertriebenen des Jahrhunderts wenigstens im Tod die Rückkehr zu ermöglichen; der Beschluss zur Gründung der Deutsch-Polnisch-Litauischen Friedhofsgesellschaft, die in Danzig und Litauen Versöhnungsfriedhöfe eröffnen will, ist gefasst. Die Pläne nehmen Gestalt an, ein Aufsichtsrat wird berufen ... Günther Grass hat eine Parabel über das Verhältnis von Idealismus und machtpolitischen Zusammenhängen gestaltet, die in der historischen Realität der 90er Jahre angesiedelt ist. Im Privaten glückt, was dem Zusammenleben der Nationen verwehrt bleibt, und damit ist auch dem Autor in der Zeichnung der Liebesbeziehung das gelungen, was die österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth in ihren Münchner Poetik Vorlesungen als "die schwierigste aller Schreibsachen " bezeichnet, "die Außenseite des Glücks so weit aufzurauhen, dass die Glätte des Kitsches sich nicht daran hochstehlen kann." G. K.

Grass, Günther: Unkenrufe. Eine Erzählung. Göttingen: Steidl, 1992. 2995., DM 38,- / sFr 32,20 / öS 296,40.