Es ist eine erschütternde Gesamtschau antisemitischer Übergriffe und Gewalttaten in Deutschland seit 1945, die Ronen Steinke in seinem neuesten Werk darlegt. Steinke beschreibt darin das Leben einer Bevölkerungsgruppe in Deutschland in ständiger Bedrohungslage, die für Außenstehende nur schwer vorstellbar ist. Besonders deutlich wird dies, wenn er den Lebensalltag jüdischer Kinder schildert, deren Schulen sich hinter Hochsicherheitseinrichtungen verstecken müssen. Oder wenn er die inneren Konflikte von Eltern und Lehrpersonen aufzeigt, die im ständigen Zwiespalt stecken, wie weit sie die Kinder mit der ständig drohenden Gefahr konfrontieren sollen.

Der Untertitel „Eine Anklage“ ist nicht grundlos gewählt, denn der Autor macht auf bedrückende Weise das Versagen des Staates und seiner Behörden sichtbar. Dies manifestiert sich bereits zu Beginn des Buchs am Beispiel des Doppelmords an Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke im Jahr 1980, als die zuständigen Ermittlungsbehörden gegen jede Logik an der Hypothese eines jüdischen Mordkomplotts festhielten und in der jüdischen Community nachforschten, während der tatsächliche Täter aus dem Neonazi-Milieu unbehelligt ins Ausland verschwinden konnte. Wer jetzt an den Umgang der deutschen Behörden mit dem NSU denkt, kann bereits erahnen, wie Steinke in weiterer Folge beinahe stakkatoartig das jahrzehntelange Scheitern der Ermittlungsbehörden im Umgang mit antisemitischer Gewalt aufzeigen wird.

Steinke zerpflückt die Mär der ewigen Einzelfälle schon im Fließtext seines Buchs – in der abschließenden ausführlichen Chronik hunderter antisemitischer Gewalttaten in Deutschland seit 1945 wird das allerdings noch einmal auf eindrückliche Weise verdichtet. Allen, die hier noch kein gesamtgesellschaftliches Problem erkennen, führen spätestens die zwei detailreichen kartographischen Visualisierungen antisemitistischer Gewalt vor Augen, wie omnipräsent die antisemitische Bedrohung war und ist.

Auch wenn dem Buch an mancher Stelle zu wünschen wäre, dass sich der Autor mehr Zeit für eine die Materie durchdringende Analyse und Argumentation genommen hätte: Steinke hat mit Terror gegen Juden nicht nur ein erschütterndes, sondern auch unbedingt lesenswertes Buch vorgelegt.