
Lisa Poettinger widmet „Klimakollaps und soziale Kämpfe“ jenen Bewegungen und Gemeinschaften, die „mit ihrer Selbstermächtigung der Zerstörung ihrer und unserer Lebensgrundlagen entgegentreten“ (S. 8). Versehen mit zahlreichen mehrheitlich von der Autorin selbst geschaffenen Illustrationen, werden Zusammenhänge zwischen Kapitalismus, Imperialismus und Naturzerstörung hergestellt.
So widmet sich Kapitel 1 der Umweltungerechtigkeit. Der Fokus liegt dabei auf der doppelten Benachteiligung der Armen. Die Klimaschäden der „Superreichen“ (S. 21) werden mit Zahlen belegt, die Emissionen aus Geldanlagen in die Fossilbranche mit der „Polluter Elite Database“, die Vorstände und Geschäftsführende von großen Öl-, Gas- und Kohlekonzernen sowie deren Aktien auflistet. Auch die Zunahme der Klimaflüchtlinge ist Thema sowie die Abschottung der Reichen dagegen.
Poettinger zeigt aber auch, wie sich Menschen wehren – gegen die Abholzung der Regenwälder oder die Extraktion von Rohstoffen sowie den Bau von Pipelines. Sie kritisiert den „Umweltrassismus“ (S. 52), etwa den Aufkauf von Landflächen für Bioreservate oder die Abdrängung von People of Colour in Gebiete mit hoher Umweltverschmutzung. Der „NIMBY-Einstellung“ (not in my backyard) stellt sie das NIABY-Prinzip (not in anyone´s backyard) entgegen, der Benachteiligung bestimmter Gruppen die bereits 1991 verabschiedeten „17 Umweltgerechtigkeitsprinzipen“ (S. 54ff.).
Kapitalismus zerstört Umwelt
Kapitel 2 ist den zerstörerischen Umweltauswirkungen des Kapitalismus gewidmet. Der Konkurrenz- und Wachstumszwang führe dazu, dass „immer mehr und mehr produziert“ (S. 71) wird, der auf Profit ausgerichtete Mehrwert zur Produktion sinnloser Güter. „Grüner Kapitalismus“ sei „grüner Imperialismus“ (S. 95), weil dieser die Rohstoffausbeute prolongiere. Poettinger kritisiert dabei auch E-Autos als wachstumsorientierte Greenwashing-Strategie und setzt dem das Konzept des „Degrowth“ entgegen. Die Verflechtung von Politik und Konzernen sieht die Aktivistin ebenso als Problem wie die nach wie vor gegebene Subventionierung der Fossilindustrie.
In einem weiteren Kapitel thematisiert Poettinger umweltbezogene Gefühle wie Klimaangst oder Handlungsohnmacht. Sie beschreibt unterschiedliche Bewältigungsstrategien („Coping“) vom Wegschauen und Verdrängen über den Rückzug auf kleine Gesten bis hin zum „planmäßigen Handeln, um eine Situation zu verbessern“ (S. 127). Naturerfahrung und das Sich-Anschließen einer Gruppe Gleichgesinnter sieht Poettinger als beste Strategien für Selbstwirksamkeit. Die kritische Umweltpsychologie thematisiere in diesem Sinn die sozialen Umstände, die umweltschützendes Verhalten fördern.
Strategien für Umweltgerechtigkeit
Im letzten Kapitel geht Poettinger auf „Strategien für Umweltgerechtigkeit“ ein. Theorien über menschliches Handeln lässt die Autorin dabei unterschiedliche Veränderungsstrategien folgen: Veränderung durch nachhaltigen Konsum, durch Bevölkerungskontrolle, durch Reformen, den Aufbau von Utopien sowie durch Klassenkampf. Sie plädiert für einen „demokratischen, ökologischen Sozialismus“ (S. 165), in dem Konkurrenz und endloses Wachstum sowie Tauschwertproduktion durch „geplante Produktion anhand von Bedürfnissen und planetaren Grenzen“ (ebd.) ersetzt werden. Ein politischer Streik für Klimagerechtigkeit würde den Kapitalismus nicht überwinden. „Aber viele politische Streiks, die in einen riesigen Generalstreik münden, können es schaffen“ (S. 168), so die Hoffnung der Aktivistin, die schließlich mit der aus Frankreich kommenden Forschungsrichtung der „Kollapsologie“ dafür plädiert, sich auf Zusammenbrüche in solidarischen und resilienten Gemeinschaften einzustellen.
Resümee: Poettinger benennt klar die Bedrohungen durch den extraktivistischen Konsumkapitalismus und sie warnt vor dem Aufstieg der Rechten, die die Klimakrise durchwegs leugnen. Auch wenn es mittlerweile wissenschaftliche Diskurse über neue gelenkte Wirtschaften gibt, etwa auf dem Blog Postwachstum, erscheint die Überwindung des Kapitalismus durch Generalstreiks wohl unrealistisch. Nicht nur, weil eine Mehrheit in unseren Wohlstandsländern an der „imperialen Lebensweise“ (Brand/Wissen) partizipiert – und diese noch immer verteidigt, sondern weil die Transformation durch Reformen der wohl erfolgversprechendere Weg ist – das erfordert eine Neujustierung der Politik an der Lebensqualität der Menschen ebenso wie eine starke Umverteilung in resilient schrumpfenden Ökonomien der Grundbedürfnisse. Wahrscheinlich werden es die massiv steigenden volkswirtschaftlichen Kosten der Klimakrise sein, die zum Umlenken führen könnten.








