Ein „Hacker“ ist im allgemeinen Sprachgebrauch jemand, der über ein Netzwerk in fremde Computersysteme eindringt und zugleich Teil einer Subkultur ist. Folgt man den Spuren dieser Bewegung, galten „Hacker“ früher noch als Personen, die in der Lage sind, knifflige Probleme durch gewitzte technische Lösungen zu überwinden. Jenseits jedweder Mystifizierung (der Hacker als Held von Sachbüchern, als Krimineller, als Spion) erscheint nun in deutscher Sprache die bereits 1997 in Originalausgabe erschienene Geschichte der Hacker, recherchiert von Julian Assange, heute bekannt als Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks (siehe PZ 1/2011) und in Form eines Romans niedergeschrieben von Suellette Dreyfus. Assange hat Porträts junger Männer recherchiert, die sich in den späten 80er und frühen 90er Jahren in die Netzwerke von Banken und Behörden hackten, also lange bevor das Internet hierzulande ein Massenphänomen wurde und noch in einer Zeit, in der Festplatten mit einer Größe von 20 MB als Spitze des technischem Fortschritt galten.

 

Tatsachenroman

 

Das Kernstück des Buchs, der Hacker-Roman von Technikjournalistin Dreyfus, wurde unverändert vom Original übernommen und ist einigermaßen spannend zu lesen. Im Mittelpunkt stehen Hacker der ersten Stunde. Die Erzählung beginnt mit dem WANK-Virus („Worms Against Nuclear Killers“), der bei weitem nicht so bedrohlich gewesen ist, wie im Buch dargestellt ebenso wie die im Roman genannte Infiltrierung des deutschen Mobilfunksystems. Am Höhepunkt des Romans wird der Hacker Mendax alias Assange von einem Systemadministrator entdeckt und gibt sich als Computer mit Bewusstsein aus. Ermüdend sind teilweise die langatmigen technischen Erklärungen und die etwas künstlich konstruierten Beziehungsprobleme der jungen Hacker. In der FAZ kritisiert Detlef Borchers u. a. Übersetzungsschwächen des Buches und die Verklärung von Assange zum Helden (vgl. Detlef Borchers in FAZ.net v. 1.4.2011).

 

In deutschen Magazinen wird bei der Besprechung des Buches kritisiert, dass die Bedeutung von Assange überhöht und der Australier als Lichtgestalt dargestellt wird (Oskar Piegsa: Ich glaub, es hackt. Spiegel-Online v. 27.3.2011) „Die Verklärung Assanges wird besonders deutlich, wenn Dreyfus die Einbrüche in fremde Rechnersysteme als Form ungewöhnlicher Kreativität darstellt, die sich mit der Gründung von Wikileaks fortsetze“, so der Autor. Das Magazin „Die Zeit“ titelt „Der Ego-Faktor“ und weist mit Recht darauf hin, dass nach der ganzen Aufregung um die Enthüllungsplattform und dem Privatleben von Assange der Band 14 Jahre nach seiner Erstpublikation nun in deutsch auf eine ganz andere Rezeptionshaltung trifft: „Hier ist der Geist, der die Enthüllungsplattform gebar, in seiner pubertären Reinheit zu genießen!“ ( Ijoma Mangold: Der Ego-Faktor. Die Zeit Online v. 7.4.2011, Nr. 15) Und in der taz beklagt Daniel Schulz (Des Hackers Menschwerdung. Taz.de v. 1.4.2011) das Entrücken der Computerspezialisten ins Überirdische, das den Dialog zwischen „Hacker-Elite“ und den Normal-Usern nicht gerade befördert. Übrigens kann die englischsprachige Ausgabe kostenlos im Internet (www.gutenberg.org/ebooks/4686) heruntergeladen werden. A. A.

 

Dreyfus, Suelette ; Assange,Julian: Underground. Tatsachenroman. Hamburg: Haffmans & Tolkemitt, 2011. 620 S., € 24,90 [D], 25,70 [A], sFr 34,90

 

ISBN 978-3-942989-00-8