Der Iran wurde vor den Ereignissen in Nordafrika gerne als Beispiel für die Potenziale des Internets herangezogen. Die Präsidentschaftswahl im Juni 2009 lenkte erstmals die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die lebendige Internetkultur des islamistischen Regimes.

 

Einen interessanten Blick darauf, wie die online-Medienwelt jenseits westlicher Perspektive aussieht, werfen Annabelle Sreberny und Gholam Khiabany in diesem Band, der nicht zuletzt für eine differenzierte Einschätzung der iranischen Gesellschaft wirbt. Die durchaus spannende Lektüre zeigt u. a., wie im Iran eine Medienwelt geschaffen wurde, die staatliche Kontrolle und Zensur, digitalen Aktivismus, politisch kluges Hacken, Parodien und sogar Frauenanliegen umfasst. Insbesondere geht es um die Klärung der Frage, ob die iranische Blogosphäre eine Kultur des Dissidententums hervorbringt, die die islamische Diktatur zu Fall bringen könnte? Und welchen Einfluss dort soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder YouTube auf die Organisation von Demonstrationen haben?

 

 

 

Diktatur und Neue Medien

 

Für Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg öffnet dieses Buch „den Blick für erweiterte Formen der Teilhabe und des Politischen, die im Iran zum Beispiel im Zwischen-den-Zeilen eines Poesieblogs oder der Diskussion scheinbar privat-persönlicher Eindrücke einer jungen Frau über ihren Alltag stecken“ (Vorwort, S. 11). Wie das Autorenduo hinzufügt, handelt das Buch „außerdem von den spezifischen Bedingungen in einem postrevolutionären Land und davon, wie ‚Bloggen‘ zu einem Kürzel für politische Meinungsäußerung, für Journalismus unter einem anderen Namen und für gesellschaftliche Analysen in einem Umfeld wurde, in welchem solche Analysen nicht allzu gerne gesehen sind“ (S. 13), was wohl die verharmlosende Umschreibung für Repressionen aller Art ist.

 

Um die Möglichkeiten und Reglementierungen des Internet im Iran besser verstehen zu können, wird zunächst kompakt die jüngere iranische Geschichte rekapituliert und dabei u. a. gezeigt, dass es im Falle des Iran nicht die religiösen und kulturellen Grundwerte sind, die der Nutzung des Internets Steine in den Weg legen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Versuche, das Internet auszubauen zeigen für Sreberny/Khiabany einmal mehr die Vielzahl an rivalisierenden Institutionen, Politikansätzen und widerstreitenden Interessen innerhalb der Islamischen Republik. Eindeutiger erscheint mir hier das durch ein Verbot von Satellitenschüsseln gesetzte Signal. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen, „ob Verleger, Schriftsteller, Journalisten oder Normalbürger, das Internet als Informationsquelle und Diskussionsplattform“ (S. 64f.). Der Ausbau alternativer Medien und der Aufstieg des Bürgerjournalismus sind zweifellos dieser Entwicklung geschuldet. Weblogs sind der wichtigste Wachstumsfaktor des Internets im Iran. „Zu Beginn des Jahres 2009 war das Bloggen zu einem Massenphänomen geworden, manche Schätzungen gehen von 400.000 oder gar 700.000 Blogs aus.“ (S. 65) Eine der Hauptgründe für die verstärkte Nutzung der Neuen Medien im Iran liegt nach Einschätzung der Autoren in den enormen Schwierigkeiten, sich politisch zu engagieren oder friedliche Demonstrationen zu organisieren.

 

Grüne Bewegung

 

Die Demonstranten der „Grünen Bewegung“ bedienten sich eines breiten Spektrums an Neuen Medien (Websites, Portale, Plattformen). „Facebook und Twitter gewannen an Bedeutung, weil andere Plattformen und Kanäle geschlossen wurden.“ (S. 266)

 

Berichtet wird auch vom Dilemma, in dem ein autoritäres Regime sich im Hinblick auf die neuen Informationstechnologien befindet. „Es kann sie nicht einfach ignorieren, sondern muss versuchen, daran teilzuhaben, auch wenn es ihre Funktionsweise und ihre Auswirkungen nicht ganz durchschaut“, so das Resümee der/des Autor(in)s. Zwar habe die grüne Bewegung gezeigt, wie viel man in einem repressiven Staat erreichen kann aber auch deutlich gemacht, „dass Technologien alleine kein hinreichender Ersatz für eine politische Strategie, politische Ziele und einen politischen Diskurs sind“ (S. 274). Sehr wohl aber hat sich gezeigt, „dass der Iran von Politik nur so brodelt, dass Politik in diesem Land viele Formen annimmt, und dass den Neuen Medien eine Schlüsselfunktion zukommt. Der lange Marsch hin zu Freiheit und Gleichberechtigung geht weiter.“ (S.274)

 

A. A.

 

Sreberny, Annabelle; Khiabany, Gholam: Blogistan. Politik und Internet im Iran. Hamburg: Hamburg Edition, 2011. 285 S., € 22,- [D],22,70 [A],

 

sFr 30,80 ; ISBN 978-3-86854-236-3