Das Konzept des vorliegenden Buches beruht auf zwei Überzeugungen: erstens, dass die moderne, liberaldemokratische Gesellschaft durch die naturwissenschaftlichen Methoden, Erkenntnisse und Grundüberzeugungen erschaffen worden ist, und zweitens, dass sowohl diese Gesellschaft als auch die Naturwissenschaft selbst ungeeignet sind, um als Erklärungen oder Leitlinien für das menschliche Leben herzuhalten. Appleyard meint, dass gerade Naturwissenschaftler mehr als andere Mitglieder der Gesellschaft beobachtet und kritisiert werden müssen, eine Forderung, die nicht zuletzt Robert Jungk im kritischen Wissenschaftsjournalismus seit langem vertritt. Das Buch entwickelt die Forderung der Aufklärung, wonach alle Erkenntnis frei von subjektiven Wertmaßstäben sein müsse, aus geschichtlichen Ursprüngen. Dieser Standpunkt führte aber letztlich auch zu einigen der großen Katastrophen unseres Jahrhunderts: Massenvernichtungswaffen, Umweltzerstörung, etc. Die innere Beschaffenheit und die Selbstsicherheit der Naturwissenschaften blieben jedoch vom Zweifel und Misstrauen gegenüber ihren Auswüchsen weitgehend unbehelligt. Appleyard beschreibt die Wissenschaft als eine Art Mystizismus, der sich als effektiv darin erweist, sich selbst Probleme zu stellen, die nur er zu lösen vermag: "Die Wissenschaft beginnt mit der Behauptung, sie könne nur diese Art der Fragen beantworten, und endet mit der Forderung, diese seien die einzigen Fragen, die gestellt werden könnten." Unterstützt wird ihr Siegeszug durch die liberale Gesellschaft. Sie ist zu aufgeschlossen, um bestimmte Grundsätze festzulegen und daran festzuhalten. Moralische Fragen werden so von innen her unlösbar, und müssen auf der Basis einer einseitigen wissenschaftlichen Version der Welt entschieden werden. Zugleich aber werden kulturelle Werte immer weiter ausgehöhlt, weil die Wissenschaft die Tradition des Vergangenen nicht mehr benötigt. Eine dünne Schicht neueren Wissens genügt etwa dem Informatiker, um seine Tätigkeit ausüben zu können. Appleyards Helden sind Menschen wie Pascal, Kant, Kierkegaard oder Wittgenstein, Vorboten für das Ende der wissenschaftlichen Aufklärung. Der Autor hofft auf viele Menschen mit genügend Phantasie, die "ganz" werden wollen und auch die Wissenschaft verändern. R. M.

Appleyard, Bryan: Der halbierte Mensch. Die Naturwissenschaften und die Seele des modernen Menschen. München: Kindler, 1992. 352 S. DM 42,- / sFr 35,60/ öS 327,60