Wenn es darum geht zu sagen, was machbar ist und was nicht, stützen sich Politiker gerne auf die Argumente der Wissenschaft. Ab und an wird auch der Ruf nach einer Expertenregierung laut. Isabelle Stengers (sie lehrt Wissenschaftsphilosophie in Brüssel) untersucht das Verhältnis von Wissenschaft und Politik sowie die Rolle der Experten in der Demokratie um zu klären, ob sich Kriterien der Wissenschaftlichkeit definieren lassen bzw. ob die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung - wie behauptet - tatsächlich objektiv sind.

Anhand von zahlreichen Beispielen (der Drogenpolitik, der medizinischen Forschung, Aids u. a.) zeigt die Autorin. daß zwischen Wissenschaft und Macht eine ganze Reihe von Beziehungen bestehen. Im BSE-Skandal etwa haben die politisch Verantwortlichen in England einem Team von Wissenschaftlern eine außergewöhnlich große Macht zugebilligt, um so die Zwangsschlachtung von Rindern rückgängig zu machen. "Im Fall der Erwärmung der Erdatmosphäre (Treibhauseffekt) sahen sich die Politiker am Ende gezwungen, nicht nur auf eine spezielle Gruppe, sondern auf ein veritables und besorgtes Kollektiv von beunruhigten Wissenschaftlern zu hören:' (S. 35) Die Verbindung verschiedener Interessen zeigt sich für Stengers besonders auch in der Forschung am menschlichen Genom. Dabei wird eine Entwicklung deutlich, "in der sich die Menschen mittels einer genetischen Begrifflichkeit selbst über ihre Zukunft, ihre Möglichkeiten, ihre Einzigartigkeit miteinander verständigen werden" (S. 63).

Ungebührlich sei, wie Stengers mit Verweis auf Galilei feststellt, auch die "Macht des Experiments'; indem er herausfand, "daß eine schiefe Ebene hinunterrollende Kugeln ihm die Macht verliehen, die Wissenschaftler seiner Epoche zu zwingen, ihm darin beizupflichten, daß die Bewegung der Kugel nur auf eine einzige Art und Weise zu beschreiben war" (S. 69). Der Mitarbeiterin des Chemie-Nobelpreisträgers lIya Prigogine argumentiert überzeugend gegen die landläufige Meinung, daß die Wissenschaften dazu beitragen, "uns in die Lage zu versetzen, die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, anzugehen" (S.94). Nicht nur deshalb bedürfe es der Kontrolle und des Korrektivs der zunehmend allmächtig agierenden Wissenschaft. Stengers setzt dabei v. a. auf die produktive Macht aktiver Minderheiten, die nicht den Anspruch erheben, zur Mehrheit zu werden, sondern eigene Kriterien und Interessen einbringen. Gefordert wird ein rationalistisches und demokratisches Klima, in dem die Wissenschaften verpflichtet sind, sich nicht nur auf die eigenen Argumente zu beschränken. Schließlich fordert sie eine entsprechende Wissensvermittlung an den Schulen. Dieser "Abrechnung" mit "der" Wissenschaft ist gerade angesichts neuester Forschung, die das Machbare über alles stellt, breite Aufmerksamkeit zu wünschen.


A. A.

Stengers, Isabelle: Wem dient die Wissenschaft? München: Gerling-Akad.-Verl., 1998. 117 S., DM/sFr 32,-/öS234,-