Paul Feyerabend war in erster Linie Mensch. Nur ganz nebenbei, vielleicht zufällig, war er auch Philosoph. So jedenfalls beschreibt er sich in seiner Autobiographie. Wer vermutet, in seinem letzten Werk große Theorien zu finden, liegt falsch. Feyerabend  beschreibt, wie er sein Leben gelebt hat, und offen kommt er hierbei auch auf seine Fehler zu sprechen. Es entstand ein buntes Kaleidoskop aus wissenschaftlichen Bemerkungen, Aufführungskritiken aus vielen Opernhäusern der Welt und Belanglosigkeiten, die für den Autor von Bedeutung gewesen sein mußten.

Das alles wurde dem Anschein nach ziemlich planlos vermischt Beachtlich ist indes die Betrachtungsweise: eine Mischung aus kindlicher Naivität und verklärter Gelassenheit Trotz (oder vielleicht gerade wegen) aller Schicksalsschläge fließt immer wieder ein Stück bissiger Selbstironie in seine Erzählung ein. Als Feyerabend etwa über eine Phase seines Lebens berichtet, in der er sich sehr intensiv dem Studium der Geschichte des Kirchendogmas widmete, bemerkt er: "Darüber hinaus hatte ich auch noch Zeit, mir ein Bein zu brechen und einen Gallenstein zu haben. Ich hatte ein erfülltes Leben." Der Stil spiegelt Feyerabends Einsicht wider, daß kompliziert formulierte Gedanken oder Theorien vielfach nicht verstanden würden, und so liest sich das Buch wie ein trivialer Roman. Und doch tauchen immer wieder tiefe Einsichten auf - vergleichbar etwa den spontanen Aussagen eines Kindes, das unerwartet mit tiefen Weisheiten aufhorchen läßt. Eine dieser Einsichten enthält die letzten Sätze, die der von Krankheit gezeichnete Autor schrieb: "Vielleicht sind dies meine letzten Tage. Wir freuen uns über jeden einzelnen .... ich möchte, daß nach meinem Ableben nicht Aufsätze und nicht letzte philosophische Erklärungen von mir zurückbleiben, sondern Liebe."

Chr. H.

Feyerabend, Paul: Zeitverschwendung. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1995. 250S., DM / sFr 38,- /  ÖS 297,-