Die bekannte Lyrikerin und (evangelische) Theologin unternimmt ihren Versuch, Gotteserfahrungen in einer von Männern verwalteten Religion mit-teilbar zu machen auf sehr persönliche Weise: beginnend bei dem eigenen oftmaligen Scheitern ihrer Bemühungen, von Gott zu sprechen. Gott, von Dorothee Sölle als das Allermitteilsamste erkannt, werde häufig einem unerreichbaren Oben" - Macht, Autorität und Kommando bedeutend - zugeordnet. "Er hat es so gewollt", lautet dann die Floskel, die sogar Ausschwitz, Tschernobyl und ähnliche von Menschen verursachte Katastrophen erklären soll. Diese fundamentalistische Religion erklärt die Menschen zu Opfern, die einer unfassbaren Autorität hilflos ausgeliefert sind. Zu diesem Gott zu sprechen, ist dann tatsächlich nicht mehr möglich, und erst ein befriedigendes Sprechen zu Gott macht das Reden über Gott möglich. Dorothee Sölle erzählt hier von einem Gott, der den Menschen braucht, um zu sein der in uns aber keine Abhängigen und Untergebenen sieht, die frei nach dem Song "Der Papa wird's schon richten" verantwortungslos agieren. Nicht das Aufsehen zu Gott-Vater im Himmel sei die Kommunikationsschiene, sondern das Sehen nach Innen, das Um-sich-Schauen. Gott werde zu oft fälschlich als Schicksal verstanden und nicht als Kraft der Befreiung von den Menschen erfahren. Befreiungstheologie und Feministische Theologie sind die Basis, von der Dorothee Sölle ausgeht, um der autoritären Religion eine humanitäre gegenüberzustellen. Sie zeichnet Gott als Bild der Sehnsucht, Recht und Heimat zu finden. Der Vorstellung von Gott als lebendigem Sein steht das bürgerlich-individualistische Verständnis von Gott als Leidens-Bringer gegenüber: Gott ist nicht als himmlisches Trostzuckerl gegen das von Menschen verursachte Leiden zu sehen, sondern als aktivierende Kraft in und zwischen den Menschen. Gott will nicht weg-, sondern her-trösten in die verantwortungsvolle Begegnung mit dem Leben. C. F.-R.

Sölle, Dorothee: Es muss doch mehr als alles geben. Nachdenken über Gott. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1992. 159 S, DM 28/ sFr 23,70/ öS 218,40