Bernd Ladwig

Politische Philosophie der Tierrechte

Ausgabe: 2020 | 4

Gerade als im Zuge der Covid-19-Pandemie die horrenden Bedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie öffentlich diskutiert  wurden, legte Bernd Ladwig, Professor für politische Theorie und Philosophie in Berlin, ein gehaltvolles Werk zu Tierrechten vor.

Ladwig beginnt mit einer Bestandaufnahme tierischer Unterwerfung unter menschliche Bedürfnisse. Diese Unterwerfung ist institutionalisiert; die industrielle Fleischproduktion ist das beste Beispiel dafür. Diese Institutionalisierung von Tierleid ist das zentrale Argument für eine politische Philosophie der Tierrechte. Eine solche entwickelt der Autor in zwei Schritten: mit der Klärung des moralischen Status von Tieren und mit Fragen zu Rechtspflichten von Menschen gegenüber Tieren. Diese Rechtspflichten sind in politisches Handeln eingebettet, was eine eigene politische Theorie der Tierrechte rechtfertigt.

Mensch und Tier sind statusgleich

Was den moralischen Status von Tieren anbelangt, arbeitet Ladwig schrittweise Argumente für einen solchen heraus, was schließlich in ein „Recht auf Rechte“ für Tiere mündet. (vgl. S. 42) Dieser moralischen Status  wird mit einer speziesneutralen Interessensbetrachtung fundiert: Wie auch Menschen haben Tiere fundamentale Interessen, die Teil einer individuellen Erfahrungswelt sind. Tiere erleben Schmerz als unerfreulich, wollen weiterleben in „physischer und psychischer Funktionsfähigkeit“ (S. 184) und suchen Wohlbefinden – beispielsweise, indem sie ihrer Natur entsprechend agieren können. In einem Gedankenexperiment bringt der Autor ein hypothetisches Vetorecht ins Spiel: Was wäre, wenn Tiere ein Veto gegenüber menschlicher Behandlung einlegen könnten? „Das Vetorecht (…) verhindert Ergebnisse, die für noch so wenige Individuen unerträglich oder geradezu abwertend wären. Es ist ein Recht auf Rechte.“ (S. 102)

Demzufolge erhalten Tiere moralische Statusgleichheit zum Menschen – doch geht der Autor differenziert vor, vor allem wenn Interessen von Tieren und Menschen kollidieren: „Echte Konflikte sind möglich, und manchmal ziehen Rechte darin aus guten Gründen den Kürzeren. Sie werden dann nicht verletzt, wohl aber übertreten.“ (S. 121) Ein Beispiel dafür wäre medizinische Forschung an Labortieren, die viele Menschenleben retten könnte und damit eine Übertretung von Tierrechten erlauben würde – jedoch nicht etwa der aus „trivialen“ Gründen erfolgende Verzehr von Tieren: „Wir konsumieren sie, weil uns der Geschmack zusagt, aus Gewohnheit oder ähnlich schwachen Gründen.“ (S. 183)

Im nächsten Schritt diskutiert Ladwig, welche Rechtspflichten und damit Formen des politischen Handelns sich aus dem moralischen Status von Tieren ergeben. Gerade für Tiere, die in enger Beziehung zum Menschen stehen, könne es keine absolute Freiheit jenseits von menschlicher Kontrolle geben bzw. würde eine solche für diese Tiere sogar Stress und Tod bedeuten. Doch diesen Tieren hat der Mensch eine Fürsorgepflicht gegenüber. (vgl. S. 239)

Politische Repräsentation von Tieren

Ein komplexes Thema ist die politische Einbeziehung von Tieren. Freilich ist es absurd zu glauben, dass Tiere am politischen Willensbildungsprozess teilhaben können. Auch können sie mangels eines Sinnes für Recht und Unrecht nicht zur Verantwortung gezogen werden. Und doch gibt es Möglichkeiten, die Interessen der Tiere angemessen zu repräsentieren: dadurch, dass „politische Mitgliedschaft“ von Tieren nicht als aktives Bürgertum, sondern als Besitz von  Rechten betrachtet wird, die vom Staat  entsprechend zu schützen sind. Auch könnten Tierinteressen direkt im politischen Prozess durch gewählte Dritte repräsentiert werden: „Menschen würden dann nicht nur für Tiere politisch entscheiden, sie würden auch darüber entscheiden, wer für die Tiere entscheiden darf.“ (S. 291) Zudem solle, analog zum Konzept des Gender-Mainstreamings, ein „Spezies-Mainstreaming“ in politische Entscheidungen einfließen. Daraus folgt eine „emphatische politische Theorie der Tierrechte“: „Sie affirmiert manche dauerhaften und institutionalisierten Mensch-Tier-Beziehungen – nicht wie sie sind, doch wie sie sein könnten. Sie nimmt an, dass wir unterdrückerische und ausbeuterische in wirklich allseits akzeptable Beziehungen verwandeln könnten.“ (S. 325)

Am Ende seiner Ausführungen spricht sich der Autor für einen radikalisierten Tierschutz mit Differenzierungen aus (man denke an das Beispiel der Labortiere). Um einen solchen umzusetzen, braucht es zivilgesellschaftliches Engagement bis hin zum zivilen Ungehorsam, solange dieser wirklich den Interessen von Tieren nützt. Gewaltlosigkeit bleibt dabei oberstes Prinzip, ebenso wie die Dialogfähigkeit. Politische Philosophie der Tierrechte kontextualisiert so die mannigfaltigen Debatten rund um Mensch-Tier-Beziehungen in eine politische Theorie, die sich sowohl durch Radikalität als auch durch Augenmaß auszeichnet.