Dieses Buch ist ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit moderner Soziologie. Es durchleuchtet die Technik als eines der bestimmten Elemente moderner Vergesellschaftung. Ausgangspunkte sind techniksoziologische Interpretation der "Theorie der Lebenswelt des Alltags" von Alfred Schütz und der "Theorie der Strukturierung" von Anthony Giddens. Die Analysen der "Technisierung des Alltags" münden im Ergebnis, dass Alltag und Technik als weitgehend unversöhnliche Handlungsformen verstanden werden. Die Gründe der Technisierung werden schließlich in Motiven der (AIItags)Handelnden selbst gesucht und auch gefunden: Im Bedürfnis und der Suche nach Sicherheit, damit reproduzierbare Handlungsmuster (in die fast jeder Mensch im Alltag verstrickt ist) möglichst zuverlässig gehandhabt werden können und nicht immer von neuem die Mühe des riskanten Erlernens abfordern. Insofern ist das Bedürfnis nach Technisierung des Alltags eine pragmatisch sinnvolle Entlastungsfunktion. Zugleich lassen sich aber die Gefahren einer Übertechnisierung schwer eingrenzen: Technische Artefakte prägen in unterschiedlichen Weisen dem Alltagshandeln ihre Struktur auf. Die Folgen für die gesellschaftliche Praxis sind paradox und unausweichlich: Die technische Strukturierung bietet zugleich "Handlungsermöglichung" und „Handlungszwang". Im Gebrauch technischer Mittel reproduzieren und verstärken die handelnden Menschen die technische Vergesellschaftung, obwohl das in den meisten Fällen gar nicht beabsichtigt ist. Der handlungstheoretisch orientierten Soziologie muss zugestanden werden, dass sie mit ihrem hochkarätigen Reflexionsniveau dem Ziel der Aufklärung nach optimiertem Vernunftgebrauch von allen Humanwissenschaften derzeit wohl am nächsten kommt. Der Nachteil ist eine theoretische Sprache, die für Laien nicht mehr verständlich ist und so die eigentlich Betroffenen aus dem Diskurs ausschließt. G. W

Hennen, Leonhard: Technisierung des Alltags. Ein handlungstheoretischer Beitrag zur Theorie technischer Vergesellschaftung. Opladen: Westdeutscher Verl., 1992. 2625., DM 46,- / sFr 39,- / öS 358,80