Donatella Di Cesare

Die Zeit der Revolte

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Die Zeit der Revolte

In Anlehnung an Pierre Bourdieus berühmtes Diktum „Soziologie ist ein Kampfsport“, formiert sich auch im Modus des Philosophierens eine Kampfzone. Jedenfalls ist das der Fall, wenn man der Akzentuierung von Donatella Di Cesare folgt. Philosophie ist demnach stets eine politische Praxis, im Philosophieren muss notwendigerweise Stellung zu virulenten Gegenwartsdiskursen und sozialen Problemzusammenhängen bezogen werden. Die Ambitionen philosophischer Praxis liegen im Einmischen, im politischen Gestalten, dann erst ist Philosophie eine Lebensform.

Diese Akzentuierung von Philosophie steht wohl exemplarisch für Di Cesares Werk, die an der Universität La Sapienza in Rom theoretische Philosophie lehrt. Dieser Programmatik kann indes in Von der politischen Berufung der Philosophie (Matthes & Seitz, 2020) auf komprimierte Weise nachgespürt werden, deren Spuren sich dann im aktuellen Essay Die Zeit der Revolte (Merve, 2021) auf knappen 140 Seiten weiter ausbreiten. Darin entwirft Di Cesare ein politisches Panorama der Gegenwartsgesellschaft über die Praxis der Revolte, das durch sprachliche Prägnanz und philosophische Reflexionskunst überzeugt. Anhand von Essay-Miniaturen wird dabei die Vielgestaltigkeit der Revolte, respektive deren Potentiale wie Fluchtlinien, skizziert; die kurz gehaltenen Kapitel entkommen insofern der verlockenden Geste einer Gesellschaftsdiagnose, die wohl in der Revolte das vermeintliche strukturgebende Merkmal der aktuellen Gesellschaftsformation ausfindig machen würde: Die Rede ist von der Zeit der Revolte, nicht der Gesellschaft der Revolte.

 

Revoltieren

Die Gattungstypik des Essays darf hier als Rückbesinnung auf Montaigne verstanden werden, tastet sich Di Cesare darin doch selbsterprobend und von diversen Perspektiven auf das gegenwärtig um sich greifende Phänomen der Revolte heran; stets normativ konturiert, und kontroversiell formuliert. „Die Revolte verleiht einem noch meist unscharfen Unbehagen Ausdruck“ (S. 23), heißt es zu Beginn, wodurch auf das affektive Momentum als relevante Bestimmungskategorie der Revolte rekurriert wird. Das Erheben der politischen Stimme vollzieht sich zunächst aus einer kollektiven Stimmungslage heraus, die notwendigerweise einer emergenten Logik entspringt. Geplant und durchstrukturiert ist hier noch nicht viel, die Formen der Revolte sind viel eher Mikrologiken gegen die staatliche Souveränität. Es sind kleine Gegenbewegungen, die sich bilden, und die im Sinne von Di Cesare notwendig für ein radikales Neudenken und Konfigurieren von Politik, Staat und öffentlichem Raum sind. Elementarer Bezugspunkt in Di Cesares politischer Philosophie ist dabei stets die Einsicht: der soziale Raum ist veränderbar und muss auch verändert werden. Auch wenn das toxische Gemengelage der Automatismen Kapitalismus und Globalisierung der Konstitution von Revolten bereits im Keim ihrer Neuformierung den Wind aus den Segeln zu nehmen scheint, ist ihre Realisierung dringend geboten. Die Revolte irritiert unsere eingeübten Zeithorizonte, imaginiert in actu alternative Welten und Szenarien, sie ist in diesem Sinne ein „anarchischer Übergang in ein Übermorgen“ (S. 144) und insofern Wegbereiter für ein neues politisches Denken auf philosophischem Fundament. 

 

Raum-Werden

Di Cesare interessiert sich zuvorderst für den Übergang von einzelnen Revolten zu zusammenhängenden Prozesslogiken.  Auch wenn die interpretative Sortierung noch kein übergeordnetes Bild einzufangen imstande ist, steht doch die erkenntnisleitende Hypothese einer globalen Perspektive Pate für Di Cesares Überlegungen. Diese korrespondieren generell mit einer äußerst kritischen Sicht auf herkömmliche, das heißt als überkommen erachtete Auffassungen von Staatlichkeit und politischer Gestaltung. Immer wieder wird die Leserschaft an die agora als denjenigen politischen Versammlungs- und Ausverhandlungsort erinnert, an dem sich im antiken Griechenland stetig neue Formen einer „öffentliche[n] Ordnung“ (S. 24) ausgestaltet haben – und im aktuellen Gewand wieder gestalten lassen würden. Ganz allgemein erweist sich die Raumdimension als wesentlicher Aspekt politischer Auseinandersetzungen, wie Di Cesare immer wieder anschaulich darzulegen weiß. In luziden Querverbindungen und anschlussfähigen Interpretationen gegenwärtiger Ereignisse und Szenen entsteht somit eine prägnante und nachvollziehbare Lektüre politischer Realitäten. „Snowden, Assange und Manning sind Symbolfiguren des 21. Jahrhunderts“ (S. 128), ihr Auftritt sei gerade wegen ihrer subversiven Herangehensweise zu befürworten, fordern diese doch das Recht, den Staat an sich heraus – die nötigen Bausteine einer globalen Sichtweise, einer neuen Form politisch zu revoltieren. Und zugleich mit wesentlichen Implikationen für die Zukunft der Philosophie.