Werner Friedrichs

Atopien im Politischen

Online Special
Atopien im Politischen

Werner Friedrichs beschäftigt sich an der Universität Bamberg mit Didaktik der Sozialkunde. Schwerpunkte sind radikale Demokratietheorie, künstlerische Forschung und Diskurse um das Anthropozän sowie zukünftige Existenzweisen. Im vorliegenden Buch stellt er als Herausgeber die Ausgangsfrage, ob im Angesicht der ökologischen, ökonomischen und sozialen Verwerfungen noch über die Zukunft nachgedacht werden könne. Welche politische Bildung könnte eine gelingende sein – oder überhaupt: Müssen wir uns möglicherweise nicht mehr als autonome Subjekte verstehen, sondern „als politische Bildungen nach der Zukunft verwirklichen – weil die Zukunft ohnehin längst verloren ist?“ (S. 11). Friedrichs stimmt aber keineswegs in ein Denken der Beliebigkeit und Hoffnungslosigkeit ein, sondern sieht im Aufgeben der gewohnten Denkfigur der Zukunft – als Fortschritt, als planbares, mit Gewissheit eintreffendes Zukünftiges – einen gangbaren Weg in der heutigen Metakrise. Wollen wir diese gestohlene Zukunft wirklich zurückfordern, war sie doch immer ein Versprechen des Besseren, und trug damit maßgeblich zur Entwicklung der Krisen bei? Es war eine „als Utopie wünschbare, gestaltbare und sogar skalierbare Zukunft“ (S. 13). Dabei ist nicht so sehr das Bild der bleibenden Handlungsfähigkeit, sondern das einer automatisch eintreffenden Zukunft problematisch. Wird das Phantasma einer auf einem Zeitstrahl herannahenden Zukunft aufgegeben, können die Praxen der Gegenwart als „zeitgenerierende, materiell-sinnhafte Konstellationen“ (S. 15) ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Friedrichs geht es demzufolge um das Finden „zukünftigender Praktiken politischer Bildungen“ (S. 17). Eine stets im Kommen begriffene Demokratie, über die nicht gelernt werden kann, sondern die sich in demokratischen Subjektivierungsweisen / politischen Bildungen laufend verwirklicht. Er wählt hier anstelle des Utopiebegriffs, der mögliche Zukünfte imaginiert, den Begriff des Atopischen: es gelte, in Nicht-Orten Verortungen und Verzeitlichungen vorzunehmen (ebd.).

Zusammen mit dem Performer:innenduo JAJAJA organisierte Friedrichs 2019 einen atopischen Stadtrundgang. Zentral für seine Überlegungen ist eine These Jaques Rancières, wonach die politische Ordnung vorgibt, was sinnlich wahrnehmbar ist. Das vorliegende Buch knüpft an dieses Experiment an, um den diskursiven Raum weiter zu öffnen. Im ersten Teil beziehen sich die Autor:innen darauf und versuchen, kommende politische Bildungen zu denken. Es wird über Notwendigkeit und Unmöglichkeit politischer Bildung, Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung, sowie Spiel und Kunst als Methoden für politische Bildung nachgedacht. Mittig findet sich eine Art Manifest einer Kunstfigur Friedrichs, zu dem die Autor:innen im zweiten Teil des Buches Stellung beziehen, und das durchaus kontrovers. Fritz Reheis beispielsweise erklärt die von Friedrichs bevorzugten atopischen Strategien für gefährlich, da sie den Errungenschaften seit der Aufklärung eine Absage erteilen, nämlich der Differenzierung, der Realität und dem Wissen. Er plädiert für ein Zukunftsbild mit Bodenhaftung, und warnt vor ideologischer Anfälligkeit expressionistischer Zukunftsentwürfe (S. 246). Friedrichs bezeichnet diese als „Flaschenpost aus der vergangenen Zukunft“ (S. 21).

Dem Dissens einen Raum geben

Das Buch ist fraglos herausfordernd und kontrovers, sich auf die unterschiedlichen Thesen einzulassen, bedeutet, dem Dissens einen Raum zu geben. Clara Buchhorn