
Der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften Steven Vertovec hat einen bereits 2007 publizierten Artikel zur „Superdiversität“ nun mit einem gleichnamigen Buch ergänzt. Mit dem von ihm entwickelten Konzept der Superdiversität versucht der Experte, die zunehmend komplexer werdenden Diversifizierungsprozesse in unseren Gesellschaften und deren soziale Folgen besser zu beschreiben. Dabei grenzt er sich von Ansätzen wie Multikulturalismus, Interkulturalität oder Diversität ab, indem er ihnen unterstellt, dass trotz der Präsenz der Begriffe diese lediglich dazu dienen, die sozialen Unterschiede in Gesellschaften hervorzuheben und zu managen. Multikulturalismus oder auch Diversität vereinfachen komplexe Biografien und reduzieren sie auf die Zugehörigkeit zu einer einzigen Gruppe, so die Kritik. „In erster Linie bietet das Konzept der Superdiversität also eine Möglichkeit, Multidimensionalität und Intersektionalität im Hinblick auf neue Migrationsmuster zu überdenken. […] Es gibt nicht mehr nur kleinere Kohorten aus einer größeren Anzahl von Herkunftsländern, sondern auch sich verändernde Ströme von Menschen, die ein breites Spektrum an Nationalitäten, Ethnien, Sprachen, Religionen, Genderidentitäten, Altersverhältnissen, Humankapital, transnationalen Praktiken sowie, was besonders wichtig ist, Migrationskanälen und Rechtsstatus aufweisen“ (S. 23). Lösungsansätze und Maßnahmen, welche aus der Perspektive der Superdiversität auf gegenwärtige Entwicklungen blicken, könnten so näher an der Lebensrealität der Betroffenen agieren, wenngleich diese Perspektive die Komplexität im Vergleich zur Einteilung von Gruppen nach Herkunftsland allein wesentlich erhöht.
Mehr als nur einer Gruppe zugehörig
Als besonders prägend für die Identität der Einwander:innen wird der Rechtsstatus der Menschen beschrieben, denn daran sind die wesentlichen Lebensbedingungen im Ankunftsland gekoppelt, wie etwa der Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Sozialleistungen aber auch die Option auf Familiennachzug. Vertovec führt an, wie sehr sich die unterschiedlichen Aufenthaltstitel vervielfältigt haben. Dabei reduzieren entgegen der öffentlichen Rhetorik die selektiven Aufenthaltsregelungen nicht wirklich die Anzahl der Geflüchteten, vielmehr werden dadurch eher wohlhabende und hochqualifizierte Menschen bevorzugt, während sich die Situation für viele andere dadurch verschlechtert. „Diese Stratifizierung spiegelt oder manifestiert – ob nun so vom Staat intendiert oder nicht – tendenziell Kategorien wie Herkunftsort, race, Ethnie, Gender, Alter und Bildungsstand. Auf diese Weise sind die Prozesse der Kategorienkombination und ihre Ergebnisse (auf die das Konzept der Superdiversität aufmerksam macht) untrennbar mit Ungleichheit verbunden“ (S. 141).
Reaktionen auf Diversifizierung
Studien weisen etwa darauf hin, dass Menschen eine bereits diverse Gesellschaftsstruktur als weniger bedrohend wahrnehmen als den Prozess der Diversifizierung selbst. „Scheinbar plötzliche Änderungen der ethnischen Diversität, selbst minimale, reichen also aus, um bei der derzeitigen Mehrheit Angst und Bestürzung auszulösen“ (S. 193). So führt der Autor neue Ungleichheits- und Vorurteilsmuster als eine der Folgen der zunehmend komplexen Bevölkerungsstrukturen an. Neben vermeintlich herkömmlichen Vorurteilen und Abgrenzungen der ansässigen Menschen gegen Neuankömmlinge lassen sich auch Abgrenzungen zwischen den „alten“ und „neuen“ Migrant:innen feststellen. Hinzu kommt der Gruppismus, also die Tendenz, andere Gruppen herabzusetzten und auszugrenzen, insbesondere dann, wenn die gesellschaftliche Vorstellung eines begrenzten Kuchens vorherrschend ist. Dies kommt besonders in Regionen bzw. Gruppen vor, welche sich bereits in schlechten sozioökonomischen Verhältnissen befinden. Dem entgegengesetzt wird im Buch die Kontakthypothese angeführt, welche postuliert, dass Menschen, die häufig in Kontakt mit Personen diverser Hintergründe kommen, tendenziell auch positivere Einstellungen gegenüber Diversität haben – vorausgesetzt, die sozialökonomischen Bedingungen stimmen.
Fazit
Vertovecs Konzept der Superdiversität wurde seit der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2007 bereits häufig von Kolleg:innen für ihre Forschungen aufgegriffen. Darin liegt sicher auch die Stärke des Buches, denn es bietet einen neuen Begriff für ein Verständnis von Migration abseits des multikulturellen Ansatzes. Der Autor gibt der Analyse der neuen komplexen Biografien viel Raum. Eines jedoch bietet Vertovec nicht, und das sind neue Lösungsansätze, um der wachsenden Ablehnung von Diversität begegnen zu können.








