Mathias Binswanger

Die Verselbstständigung des Kapitalismus

Ausgabe: 2025 | 2
Die Verselbstständigung des Kapitalismus

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Die einen erhoffen sich davon neue Wachstumsimpulse, andere befürchten weitere Jobverluste oder gar den Kontrollverlust des Menschen. Der Ökonom Mathias Binswanger neigt eher zweiterem zu, wobei er von einer Verselbstständigung des Kapitalismus und noch mehr Bürokratie warnt. Doch der Reihe nach.

Kapitalismus ohne Wachstum sei nicht möglich und das Erwirtschaften von Gewinn sei für jedes Unternehmen überlebensnotwendig, so der Ökonom in Übereinstimmung mit vielen anderen seiner Zunft. Durch die Digitalisierung erhalte das Prinzip der Gewinnmaximierung einen neuen Schub, so die zentrale These des Autors: „Das Erfolgsstreben löst sich vom einzelnen Menschen bzw. Manager ab und wird durch die Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) Teil eines Wirtschaftssystems, welches die Menschen mehr oder weniger sanft vor sich hertreibt“ (S. 29).

KI perfektioniert den Geist des Kapitalismus

Mit Rückblenden auf Max Weber und Werner Sombart sowie Jeremy Bentham verweist Binswanger auf den Geist des Kapitalismus, der nicht nur agile Unternehmer:innen brauche, sondern zugleich funktionierende und sich ins System einordnende Bürger:innen. Neben dem Unternehmergeist gehe es auch um den Bürger:innengeist bzw. den immer neue Güter nachfragenden Konsument:innen. Mittels KI würde nun beides perfektioniert. Die Digitalisierung ermögliche einen in der Geschichte noch nie in dem Ausmaß vorhandenen Zugang zu globalen Anbietern, so Binswanger, aber diese neu geschaffenen individuellen Freiheitspotenziale würden „überschattet durch eine schleichende Einschränkung der Freiheit aufgrund von zunehmender Überwachung, Kontrolle und Manipulation“ (S. 75) Perfektioniert sei dies im chinesischen Staatskapitalismus, über Logarithmen würden aber wir im „freien“ Westen ebenfalls immer mehr bevormundet und eingeschränkt.

Binswanger ortet die Freiheitsbeschränkungen nicht nur im Bereich des Konsums – auf die Spitze getrieben durch Shopping-Agenten, die uns in Zukunft selbst Kaufentscheidungen abnehmen würden. Auch das Controlling und die damit verbundene Ausweitung der Bürokratie werde durch die digitalen Möglichkeiten sowie KI weiter zunehmen. Das Ziel sei der perfektionierte und optimierte Mensch. Binswanger dazu: „Bürokratie-Jobs werden immer zahlreicher und besonders die mit Compliance beschäftigten Stellen haben in den USA markant zugenommen. Die Entwicklung dürfte in Europa ähnlich sein“ (S. 113). Ein eigenes Kapitel widmet der Ökonom der Einführung von New Public Management an Hochschulen, die zu einer ganz neuen Controlling-Bürokratie geführt habe.

Algorithmen ersetzen Management

In der „smarten“ Fabrik der Zukunft übernehmen Roboter alle Fertigungsschritte und über selbstlernende Algorithmen werden Produktionsentscheidungen gesteuert, schildert Binswanger ein Zukunftsszenario, das bald Wirklichkeit sein werde. Dasselbe gelte für Konsum- und Investitionsentscheidungen. „Konsum-, aber auch Investitionsentscheide werden zunehmend von Menschen auf Algorithmen übertragen, und aus der in der Marktwirtschaft hochgelobten Konsumentensouveränität wird neu eine Algorithmenabhängigkeit“ (S. 145). Binswangers zentrale Prognose: „Der dem Kapitalismus inhärente Wachstumszwang und seine Entwicklungsdynamik manifestiert sich zunehmend in KI-basierten selbstlernenden Algorithmen. Diese werden zu den eigentlichen Managern des 21. Jahrhunderts, welche die Dynamik der Wirtschaft bestimmen“ (S. 147).

Algorithmen seien Menschen in mehrfacher Hinsicht überlegen. Sie seien in der Lage, in gigantischen Datenmengen hochkomplexe zeitliche und räumliche Muster zu erkennen, die dann entsprechende Schlussfolgerungen über zukünftiges Verhalten von Menschen, Unternehmen und ganzen Systemen erlauben. Das werde zum neuen Wettbewerbsvorteil: „Eine durch selbstlernende Algorithmen gesteuerte Wirtschaft kann das Prinzip der Gewinnmaximierung viel konsequenter umsetzen, als Menschen dazu je in der Lage waren.“ (S 249) Die zunehmende Komplexität und wachsende Datenflut wiederum führe zu mehr Controlling-Bürokratie. Zudem käme es zu juristischen Problemen, weil haftbar können nur Menschen gemacht werden. Zur Gänze regulieren lasse sich die rasante Entwicklung im Bereich KI nicht, so Binswanger. Vielmehr müsse es ein Recht auf technische Lösungen ohne KI geben. Als Beispiele nennt der Ökonom das Recht auf Bargeldzahlung, keinen Zwang zur Nutzung von Autos mit Kameras und Sensoren sowie von Gesundheits-Apps, schließlich keine Benachteiligung von Menschen, die nicht in smarten Häusern wohnen wollen.