Weniger in marxistischen Kategorien, dafür aber noch deutlich radikaler ist das Buch von David Graeber „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“. Graeber will den radikalen Bruch mit der bestehenden Wirtschaftsordnung. Mit seinen Überlegungen inspirierte er die Occupy-Bewegung, seine Sprache ist leicht verständlich, seine Ideen zwar immer radikal, aber nie verstiegen.

 

Graeber legt mit diesem Buch nicht weniger als die Geschichte der Verschuldung seit der Antike vor. Er führt uns durch Jahrhunderte, über verschiedene Kontinente und beleuchtet dabei viele Branchen. Historisch betrachtet, haben unpersönliche kommerzielle Märkte ihren Ursprung im Diebstahl, lautet eine seiner Hauptthesen. „Was war das wohl für ein Mensch, der ein mit Gegenständen gefülltes Haus sah und sich augenblicklich die Frage stellte, wofür er diese Objekte auf dem Markt wohl eintauschen könnte? Räuber. Marodierende Soldaten und später vielleicht Schuldeneintreiber waren die Ersten, die unsere Welt mit solchen Augen anschauten.“ (S. 405)

 

Der Autor skizziert historisch: In Mesopotamien waren Märkte Nebenergebnisse eines komplexen Verwaltungssystems. Sie entstanden durch Kriege, vorwiegend durch Steuer- und Tributeintreibung, die zunächst der Versorgung der Soldaten, aber im Lauf der Zeit auch zahlreichen anderen Zwecken dienten. Erst im Mittelalter scheint sich der Markt vom Staat zu emanzipieren. Krieg, Eroberung und Sklaverei haben nicht nur entscheidend dazu beigetragen, menschliche Ökonomien in Marktwirtschaften zu verwandeln, sondern sie haben sämtlichen Einrichtungen unserer Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt.

 

Schulden haben nun die Rolle, „uns alle zu Plünderern herabzuwürdigen, zu Menschen, die ihre Umwelt nur als Ansammlung von Dingen betrachten, die potenziell zu Geld gemacht werden können. Mehr noch, nur Personen, die bereit sind, die Welt mit Augen eines Plünderers zu sehen, verdienen Zugang zu den Ressourcen, die man braucht, um im Leben nach irgendetwas außer dem Geld zu streben.“ (S. 409) S. W.

 

Graeber, David: Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart, Klett-Cotta, 2012. 536 S., € 26,95 [D],  27,80 [A], sFr 37,70 ; ISBN 978-3-608-94767-0