Peter Struck, lange Jahre Lehrer an Volks- und Realschulen, danach in der Hamburger Schulbehörde und nunmehr Professor für Erziehungswissenschaften an der dortigen Universität, legt mit diesem Buch in gewisser Weise eine Summe seiner bisherigen Veröffentlichungen vor (vgl. PZ 1/1997.6; 2/1996, 244; 4/1994.533 u. 555). Er stellt eingangs fest, daß junge Menschen heutzutage in den vier Lebenswelten Familie. Medien, Altersgenossen und Schule aufwachsen, deren drei erste sich dramatisch verändert haben; nur die Schule versucht es unzeitgemäß noch weithin mit ihrem alten Charakter als Belehrungsanstalt. Das kann aus vielerlei Gründen nicht gutgehen: die alte Arbeitsteilung zwischen dem erziehenden Elternhaus und der wissensvermittelnden Schule funktioniert bei einem großen Teil der Schüler nicht mehr (wenn sie es denn jemals hat); viele Kinder treten sinnesgeschwächt und mit anderen Benachteiligungen in die Schulpflicht ein; Medien und Computer schaffen neue geistige Strukturen, das exponentiell wachsende Wissen unserer Gesellschaft läßt sich nicht mehr kumulativ lernen, sondern verlangt nach neuen Schlüsselqualifikationen wie Erkundungs-, Handlungs- und Konfliktkompetenz. Mobilität, Kreativität. Fähigkeit zu vernetzendem Denken usw. Schule muß sich daher von einer Belehrungsanstalt zu einer Lernwerkstatt entwickeln, der Lehrer vom Stundengeber zum Lernberater, der die Möglichkeiten moderner EDV-Technik einbezieht. Statt eines überfrachteten Fächerkanons sind Lernbereiche angesagt, der starre 45-Minuten-Takt muß einer Projektorientierung weichen, an die Stelle des demotivierenden Zensursystems sollen Lernentwicklungsberichte treten. Vor diesem Hintergrund geht Struck systematisch alle bestehenden Bildungsstufen vom Kindergarten bis zum Abitur durch, analysiert ihre Schwächen und skizziert die aus seiner Sicht erforderlichen Entwicklungen. Nach dem Kindergarten fordert er eine sechsjährige Grundschule, weil dieser Schultyp schon heute - z. B. mit Schulfrühstuck, offenen Unterrichtsformen, Integration von Ausländern und Kindern mit erhöhtem Förderbedarf, Klassenlehrer- und Co-Teaching-Modellen, psychomotorischen Elementen u.v. a. - am besten auf den geänderten gesellschaftlichen Kontext reagiert hat und die hier tätigen Lehrer auch pädagogisch am besten qualifiziert sind. Ab Stufe 7 soll es dann im Wesentlichen zwei große Schultypen geben: die Sekundarschulen, bei denen die Erziehung im Vordergrund steht und wo das Lernen in Kompensation, Förderung und Integration eingebettet ist; und die Gymnasien, die sich weiterhin auf einigermaßen intakte Elternhäuserverlassen können und weiterhin das Unterrichten betonen werden. Daneben werden Sonderschulen erforderlich bleiben und sich auf der anderen Seite Privatschulen mit verschiedenen Schwerpunkten entwickeln. Aber auch im öffentlichen Schulsystem sollen sich die Schulen ein eigenes Profil geben können, wofür freilich ein massiver Ausbau ihrer Autonomie inklusive Personalhoheit Voraussetzung ist. All dies kann natürlich nur nach einer radikalen Reform der Lehrerbildung umgesetzt werden, die zurzeit heillos fachwissenschaftlich überfrachtet ist und Absolventen hervorbringt, die in den zentralen Bereichen Sozialpädagogik, Entwicklungspsychologie, Spielpädagogik, SchuImanagement usw. völlig ungenügend qualifiziert sind. Überlegungen über sinnvolle Schul- und Klassengrößen, Schulranking, Beziehungen zur gesellschaftlichen Umgebung, Finanzierungsfragen und Sponsoring u. ä. runden das Buch ab. W R.

Struck, Peter: Erziehung von gestern - Schüler von heute - Schule von morgen. München (u.a.): Hanser, 1997. 320 S.