In Anbetracht der von vielen registrierten Zunahme von Gewalt, steigenden Arbeitslosenzahlen und Drogendelikten werden auch Schule und Erziehung immer mehr zum öffentlichen Thema. Der aus Österreich stammende Autor, als Germanist und Pädagoge mit Lehrauftrag an der Uni Düsseldorf und Leiter eines Gymnasiums auch mit Aspekten des schulischen Alltags bestens vertraut, sieht gar den nationalen Grundkonsens gefährdet und spricht nach einer Tour d'horizont durch die von ihm registrierten. Niederungen der Bildungslandschaft von einer "quantitativen als auch qualitativen Bildungskatastrophe ". Jahr für Jahr würden mehr Schul- und Studienabgänger statistisch erfaßt, deren Abschlußzeugnisse, weil immer leichter zu haben, entsprechend weniger wert sind. Um der wachsenden Zahl der Stellensuchenden zu begegnen, schreiben Industriebetriebe, so Rehfus, Einstellungstest und Wettbewerbe aus, denen nur wenige Anwärter gewachsen seien. Um diesem Trend entgegenzuwirken, plädierten Pädagogen wiederum für mehr Individualisierung des Lernens, für verstärkte Begabungsförderung und für mehr Durchlässigkeit der Schulformen. Ebendies aber habe - begleitet von sinkender elterlicher Autorität und Zunahme des Fernsehkonsums (auch das noch!) - zur Explosion des Bildungswesens geführt. Was tun? Rehfus regt eine qualitative Bildungsoffensive auf Grundlage europäischer Kulturtradition an. U.a. sollte ein "zirkulares Orbismodell", auf die Prinzipien der Aufklärung und umfassender Argumentation aufbauend, im Rahmen einer umfassenden Reform mit Rückgriff auf Geschichte, Identität und Elite sowie unter Einbeziehung des Schulmanagements verwirklicht werden. Wenngleich Rehfus in den beiden abschließenden Kapiteln den vorherrschenden Duktus der Klage überwindet und Wege aus dem Jammertal der Bildungspolitik auslotet, dürfte sein Ziel des „Neuen Menschen" außer Reichweite sein: hochgebildet, technisch perfekt, ökologisch verantwortlich, ethisch integer und ökonomisch effektiv - ein fast schon utopisch anmutender Qualitätsmix, der für alle Beteiligten die Latte in schwindelnde Höhe hebt. T G.

Rehfus, Wulff D.: Bildungsnot. Hat die Pädagogik versagt? Die Fehler von gestern und die Aufgaben von morgen. Stuttgart: Klett-Cotta., 7995. 250 S., DM 34,-/sFr 37,20/ÖS 265