Die allgemeine Unzufriedenheit am Regelschulsystem steigt, überall schießen alternative Schulmodelle aus dem Boden. Der seinerzeitige österreichische Unterrichtsminister Scholten beauftragte in dieser Situation das Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien mit einer vergleichenden Untersuchung. Diese wurde ein Schuljahr lang an den ersten vier Schulstufen von alternativen Schulen (ohne Waldorfschulen) im Wiener Raum durchgeführt, sollte aber Analogieschlüsse zulassen; ihre Ergebnisse werden im vorliegenden Buch präsentiert. Die ersten beiden Kapitel untersuchen die Typen und Entstehungsgeschichten von alternativen Schulen und beschreiben die Motivationslagen von Eltern und Lehrern, wobei auffällt, daß sich vor allem hochgebildete Elternhäuser, aber auch Alleinerzieher für Alternativschulen entscheiden, denen mehr an der Entwicklung von Selbstwertgefühl und Wohlbefinden der Kinder liegt als an traditionellen Leistungsdimensionen und Konkurrenzfähigkeit.

Dementsprechend stellen sich auch die in weiteren Kapiteln erkundeten Ausbildungsergebnisse dar: bei den "klassischen" Schulleistungen und trainingsintensiven Routineaufgaben wie Rechtschreiben und Rechnen schneiden alternative Primarschüler im Durchschnitt schlechter ab als Kinder aus Regelschulen; besser sind sie aber beim Lösen von Problemen und beim Finden von Konsens in Konfliktsituationen, wobei ihnen eine gut entwickelte gruppenorientierte Kommunikationskultur und eine starke Aktualisierungsfähigkeit von Kreativität und Fantasie zustatten kommen. Beim Rollenverhalten fällt vor allem auf, daß geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, insbesondere die Dominanz der Buben in Regelschulen ausgeprägter sind als in Alternativschulen.

Ein letztes Kapitel geht der Frage nach dem weiteren Lebensweg von Alternativschülern nach und stellt dabei fest, daß über die Hälfte in Richtung Matura weitergehen und etwa ein Fünftel den Weg zur Lehre beschreiten. Die Lehrkräfte, die die "alternativen" Kinder übernehmen, beschreiben sie als selbstbewußt, offen, angstfrei, kreativ, teamfähig und zielgerichtet; die kenntnismäßigen Rückstände werden meist in ein bis zwei Jahren nachgeholt.

Ein Serviceteil mit Adressen und anderen Daten von Wiener Alternativschulen' und einschlägigen Beratungseinrichtungen beschließt den Band. Ein wohltuend sachlicher Beitrag zu der oft allzu emotional geführten Debatte um Vorzüge und Schwächen verschiedener Schulsysteme - und ein Appell an das Regelschulsystem, sich mehr für die in Alternativschulen bewährten Verfahren zu öffnen.

W R.

Fischer-Kowalski, Marina; Pelikan, Johanna; Schandl, Heinz: Große Freiheit für kleine Monster? Alternativschulen und Regelschulen im Vergleich.  Wien: Verl. für Gesellschaftskritik, 1995. 288 S. (Bildungsforschung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst) ca. DM/sFr 25,- / ÖS 198