Mit der Behauptung, daß sich die Schule im Regelfall "in einem erbarmungswürdigen Zustand" befinde, wird Oskar Negt vermutlich bei Schülern, Lehrern, Eltern, Wissenschaftern und Bildungspolitikern gleichermaßen auf Zustimmung stoßen. Wenn der in Hannover lehrende, der kritischen Linken zuzuzählende Soziologe jedoch weitergehend von einer "kulturellen Erosionskrise" und der "Atmosphäre eines Kältestroms" spricht "der durch unsere Gesellschaft geht" und daher die entschlossene Fortführung der "auf halbem Wege steckengebliebenen Bildungsreform" als gleichsam historische Aufgabe einfordert, dann wird deutlich, daß es ihm um mehr geht als die von bildungspolitischen Krisenmanagern propagierte "Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft oder [um] Totenbeschwörungen der Vergangenheit" (S. 18). Denn: "Der Versuch, die Krise der Arbeitsgesellschaft durch pädagogische Kraftanstrengungen zu lösen, ist zum Scheitern verurteilt." (S.20) Vielmehr bedürfe es einer Gesellschaftsreform, die von utopischen Impulsen inspiriert und von konkreten Alternativen gestützt wird.

Wachsende Aggressivität und mangelnde Lernmotivation, die zentralen Herausforderungen der Schule. sieht Negt vor allem im Substanzverzehr des "Auslaufmodells (Klein-)Familie" begründet. Historisch eine "Verlegenheitskonstruktion" sei sie weniger denn je in der Lage, den Menschen auf der ersten Stufe der Vergesellschaftung einen gesicherten und verläßlichen Ort der Bildung und Orientierung zu bieten. Wenn es daher zunehmend Aufgabe der Schule sei, nicht nur Ort der "Realitätsertüchtigung", sondern der (weitestgehend selbstbestimmten) Entfaltung des gesamten menschlichen Potentials zu sein, so gilt es, neben kognitiven v.a. auch emotioniale und soziale Fähigkeiten zu fördern. Alternativschulen wie die unter maßgeblicher Mitwirkung des Autors 1972 gegründete (und hier ausführlich thematisierte) ”Glocksee-Schule". in der Selbstorganisation, Lernen ohne Angst und Zwang, Projektunterricht und exemplarisches Lernen erfolgreich realisiert werden, sind Beweis dafür, daß es Ziel der Pädagogik nicht sein kann, Kinder schulgerecht zu (ver)formen, sondern Unterricht nach den spezifischen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen zu gestalten.

Negt ortet fünf gesellschaftliche Schlüsselqualifikationen der Zukunft (ldentitäts-. Gerechtigkeits-, sowie technologische, ökologische und historische Kompetenz) und plädiert dafür, die nach Kant dem Projekt der Aufklärung zugehörenden Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?) in Anbetracht der Herausforderungen der Epoche neu zu justieren: Verstünde sich Schule darauf, danach zu fragen, Was soll ich wissen? Was kann ich tun? Was muß ich hoffen?, so seien nicht von oben gesetzte Strukturen auszubauen, sondern ein offenes Angebot zu entwickeln: als öffentliches Lern- und Kommunikationszentrum, als Ort mit besonderem Betriebsklima, unter Bedachtnahme auf kindergemäße Architektur, emotionale Berdürfnisse („Hautnähe") und soziale Erwartungen („Zuverlässigkeit als pädagogisches Arbeitsprinzip"), 

Mit 10 Variationen zum Thema "Wie lernen Menschen?", in denen philosophisch-pädagogische Konzepte (alternativen) Lernens und Lehrens und konkrete Formen der Umsetzung (SummerhilI, Freinet Tvind und Glocksee) vorgestellt werden, rundet der Autor seine Überlegungen ab.

Ein erhellender Beitrag zu einem der wichtigsten Themen der Zeit.

W Sp.


Negt, Oskar: Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche. Göttingen: Steidl, 1997. 432 S. DM 34,-/ sFr 33,- / öS 252,-