An sich, so der an der Akademie für Technikfolgenabschätzung (TA) in Stuttgart wirkende Autor, sei "der Mensch eine Naturkatastrophe", denn zweifellos ginge es der Schöpfung "ohne den Menschen viel besser". Wer nun aufgrund dieser Prämisse ein Plädoyer für die Rechte der drangsalierten Natur (wie es prominent vor allem Klaus Mayer-Abich einfordert), erwartet, der irrt. Denn Mohr hält "aktiven Artenschutz für ein Phänomen der Überflußgesellschaft" und verweist, hier überzeugend in der Argumentation, darauf, daß der Mensch nicht von der Natur, sondern der im Laufe des Zivilisationsprozesses aktiv gestalteten Umwelt lebe.

Damit sind die zentralen Herausforderungen der Epoche freilich nicht gelöst, denn die im Verlauf der Menschheitsgeschichte um ca. das Tausendfache angewachsene Tragekapazität der Erde reicht bei weitem nicht aus, um die explosionsartig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren: Waren es vor gut 10000 Jahren rund 5 Mio. und um 1780 noch 750 Mio. Menschen weltweit, so liegen wir gegenwärtig bei einer Zuwachsrate von weit mehr als 200 000 Menschen pro Tag, was für das Jahr 2025 etwa 8,5 Mia. Erdenbürger erwarten läßt.

Zwar kommt Mohr in Anbetracht dieser Entwicklung die Gefahr der Auslöschung der kulturellen Identität Europas in den Sinn, doch bannt er diesen Dämon mit dem Vertrauen auf die Überwindung der "Wohlstandsfalle" und ein Anwachsen der technologischen Innovations- und Risikobereitschaft im Kontext qualitativen Wachstums. Gewiß: Man sollte die Einsicht zu schätzen wissen, daß die "ökonomische Rationalität von gestern nicht ausreicht, um die Zukunft zu gewinnen". Aber trotz einer Tour d'horizon, die zentrale Fragen der Ökologiedebatte, der Medizin und Gentechnik, den Status von Wissenschaft bzw. Expertise, die Funktion der TA und den Prozeß politischer Entscheidungsfindung ·thematisiert sowie am Rande auch die Dimension der Ethik (etwa in der Unterscheidung von “vertüqungs-" und .Orientierungswissen") anspricht, vermisse ich in dieser auf Allgemeinverständlichkeit und unternehmerische Verantwortung zielenden Abhandlung ausreichend klare, überzeugende Konturen: Mit dem Hinweis darauf, daß das Gut Arbeit "zu teuer ist", ist den Überlegungen hinsichtlich einer ökologischen Steuerreform nicht ernsthaft zu begegnen, ebensowenig wie die Atomenergie nicht mit den Maximen nachhaltigen Wirtschaftens zu vereinbaren ist.

Für zu vage halte ich auch die Erwartung, daß "wir es schaffen, unsere gefährliche erste Natur durch eine wertorientierte kulturelle Selbstbeherrschung (mit dem Verweis auf die Attraktivität der Kardinaltugenden aber weitgehenden Verzicht auf gesellschaftliche Sanktionierung) zu bändigen".

Mohr, Hans: Qualitatives Wachstum. Losung für die Zukunft. Stuttgart: Weitbrecht, 7995. DM/sFr 37,-/ ÖS 290,