Zehn Jahre nach dem vielbeachteten Titel „Erdpolitik“ legt Ernst U. v. Weizsäcker mit diesem Bändchen gewissermaßen eine Zwischenbilanz seiner wissenschaftlichen, politischen und persönlichen Erfahrungen als Vordenker und Wegbereiter der Versöhnung von Ökologie und Ökonomie vor. Hervorgegangen ist der Band aus einem ausführlichen Gespräch, das v. Weizsäcker mit dem Philosophen und Redakteur Chr. Quarch führte, sowie einer von ihm selbst kritisch gegengelesenen und ergänzten Zusammenstellung neuerer Texte, die zu unterschiedlichen Anlässen entstanden.

Die ungewöhnliche Genese des Titels ist dem positiven Gesamteindruck keinesfalls abträglich. In insgesamt sieben Abschnitten gewinnt der Leser vielmehr einen kompakten, auf allgemeine Verständlichkeit zielenden Eindruck über das gleichermaßen kritische wie begründet optimistische Denken eines Wissenschaftlers, der wie kaum ein anderer im deutschen Sprachraum Grundlagen- und Überzeugungsarbeit auf dem Weg zu einem ökologischen Umbau geleistet hat und diese nun auch politisch weiterträgt.

Naturgemäß stehen Aspekte der Gestaltung einer zukunftstauglichen Energie-, Umwelt-, und Wirtschaftspolitik („Faktor vier“, „Ökologische Steuerreform“) im Zentrum des Dialogs. Hinzu aber kommen Überlegungen zum „Generationenkonflikt“, dem v. Weizsäcker in der Trias von ökologischer Verantwortung gegenüber den Nachkommenden, der (ungesicherten) Altersversorgung und der (Staats)Verschuldung - allein in Deutschland wächst der Schuldenberg um zweieinhalbtausend DM pro Sekunde und hat jetzt schon eine Höhe von 2,3 Billionen DM erreicht (S. 15) - große Bedeutung beimißt. Differenziert fällt sein Urteil über die Marktwirtschaft aus. Zwar „rüttle die Globalisierung an den Grundfesten der Demokratie“ (S. 108), doch erfülle der Markt auch „eine bedeutende friedenssichernde Funktion“ (S. 101). Der ökologische Umbau sei nicht gegen die Ökonomie, sondern nur mit ihr zu leisten, so eine der zentralen Thesen v. Weizsäckers. Bedenkenswert auch die in den beiden letzten Abschnitten ausgebreiteten Überlegungen zur Ausbildung eines neuen (alten?) Menschenbildes: Der Weg vom ‚homo oeconomicus‘, der getrieben von Konkurrenzdenken und Egoismus die Welt zugrunde richtet, hin zum Leitbild des ‚homo oecologicus‘ sei keine Illusion. Vielmehr - dies bestätigen auch anthropologische Studien - sei die Pflege immaterieller Bedürfnisse vor allem ein Charakteristikum der Gattung Mensch. Sich darauf zu besinnen, entscheidet über unsere Zukunft, denn mit der Überwindung exzessiven Konsumverhaltens, das nicht Verzicht und Einschränkung, sondern Gewinn an Autonomie und Zeitsouveränität bedeutet, können die Effizienzpotentiale einer ökologischen Umsteuerung erst zum Tragen kommen. Auch dafür Anreize zu schaffen, erachtet der Autor als wichtige Aufgabe „neuer Politik“. W. Sp.

Weizsäcker, Ernst Ulrich v.: Eine neue Politik für die Erde. Die globale Partnerschaft von Wirtschaft und Ökologie. Hrsg. v. Christoph Quarch. Freiburg (u. a.): Herder, 1999. 159 S. DM 16,80 / sFr 16,- / öS 123,-