Die Droge "Positives Denken" zaubert auf immer mehr Gesichter ein barmherziges, duldendes Lächeln - vielfach Ausdruck der Unterordnung unter einen”Psycho-Mainstream". Kontroversielles Auseinandersetzen in einer konstruktiven Streitkultur wird dabei oft als "negativ, destruktives Denken" abgelehnt denn von der Selbstbefreiung im Sonderangebot bis zur Selbstheilung liegt ein weites Feld für clevere Verkaufsstrategen einer globalisierten Heilsindustrie. 

Dies illustriert der deutsche Psychotherapeut Scheich an den Bestsellerautoren und US-Amerikanern Norman V. Peale, Dale Carnegie und Joseph Murphy sowie dessen Schüler Erhard F. Freitag. Eher am Rande werden hingegen die vereinnahmend agierenden Psychokonzerne wie Scientology, Landmark Education usw. diskutiert.

Die Problemlösungsstrategien versprechen vielfach raschen Erfolg, doch wird selbst vor Gewalt nicht zurückgeschreckt. Wozu sich einem soziopolitischen (Über)Engagement mit der Gefahr von Burnout, Borderline-Syndrom und ähnlichem auszusetzen, wenn Psychotechniken auch genügen?

Vielfach freilich sind Psychoanalyse und aufwendige Therapien nur eine Option für Gutsituierte, während die Opfer von minder qualifizierten”Heilern" nicht selten fragwürdigen Heilsversprechen erliegen. Welche alternativen Methoden stehen der Mehrheit in einer tendenziell gestörten und zerstörenden Gesellschaft zur Verfügung, die durch Einsparungen die psycho-sozialen Dienste, aber nicht die Löcher im sozialen Netz schließt? In den Entwicklungsländern ersetzt zunehmend eine seriöse, nicht an Profit und Sensationen interessierte”Barfußmedizin" die teueren Verfahren westlicher Provenienz. Ein Weg, der auch bei uns in mancher Weise heilsam sein könnte.

M. Rei.

Scheich. Günter: Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen. Frankfurt! M.: Eichborn. 1997. 211 S., DM 36,- / sFr 33,/ öS 263,-